BBC-Porträt über die Rumänische Cambranche

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Linda Pressly berichtet für BBC News: »Interaktive Webcam-Shows sind der am schnellsten wachsende Bereich im globalen Pornogeschäft. In Rumänien arbeiten Tausende von Frauen als »Camgirls«, teils in Studios, teils von Zuhause aus. Das Geschäft brummt rund um die Uhr, der Großteil der Kunden stammt aus Nordamerika und Westeuropa. 

Im Herzen von Bukarest steht eine Gruppe junger Frauen auf dem Bürgersteig vor einem großen Wohnhaus, rauchen, reden und lachen. Es ist keine besonders auffällige Szene. Allerdings unterscheiden sich im hellen Sommerlicht ihr schweres Make-Up, die immens hohen Highheels und leuchtende, tiefe Einblicke gewährende Kleidung stark vom Aussehen der übrigen Passanten.

Im Gebäude befindet sich Studio 20, es belegt den ersten und zweiten Stock. Vierzig Räume mit weißen Fluren, die Wände sind mit Bildern von nackten Frauen übersät. Eine geschlossene Tür bedeutet: Umsatz. In jedem dieser Räume ist eine Frau mit ihrer Webcam live und direkt mit internationalen Kunden verbunden – und solange sie allein im Zimmer ist, ist das ganze vollkommen legal. In der Welt der virtuellen Beziehungen und des Cybersex sind die Frauen vor der Kamera Models und die Zuschauer »Mitglieder«.

Lana arbeitet in Zimmer 8. Dort befindet sich ein kreisrundes Bett mit zahlreichen Kissen. Es gibt eine Garderobe für ihre Kleidung.

»Ich nehme in der Regel Kleider, Reizwäsche oder Leder«, erzählt sie.

In einer Ecke des Zimmers befinden sich große Computerschirme, dahinter eine teure Kamera und dahinter professionelle Beleuchtungstechnik. Dutzende Augenpaare schauen über die angeschlossenen Sexseiten in dieses Zimmer. Lana verdient aber erst dann Geld, wenn ein Mitglied sie darum bittet in den privaten Modus, eine Einzelsitzung zu beginnen.

Bei einem 8-Stunden-Tag verdient sie etwa 4.000 Euro monatlich – fast das Zehnfache des rumänischen Durchschnittgehalts. Auch Studio 20 verdient mit ihren Livesitzungen 4.000 Euro monatlich. An der Spitze der Webcam-Pyramide steht LiveJasmin – das Onlineportal, das die Inhalte von Studio 20 in alle Welt verfügbar macht und dafür zuständig ist, die Bezahlung durch die Kreditkarten der Kunden abzuwickeln. LiveJasmin erhält durch Lanas Arbeit 8.000 Euro monatlich.

LiveJasmin ist der größte Cam-Anbieter der Welt. Zwischen 35 und 40 Millionen Besucher verzeichnet die Seite Tag für Tag. Zu dem Zeitpunkt sind etwa 2.000 Webcamgirls online. Es ist daher nicht allzu überraschend, dass die Webcam-Branche insgesamt geschätzt 2-3 Milliarden Dollar 2016 umgesetzt hat.

Lana hat einen Abschluss in der Immobilienwirtschaft, bis die Wirtschaftskrise 2008 Rumänien in eine Rezession gezwungen hat. Da hat sie mit dem Webcam-Job begonnen. Ihr erster Tag vor der Kamera ist ihr immer noch in Erinnerung.

»Ich war allein im Zimmer und hatte das Gefühl, dass mich hunderte von Menschen um mich hatte. Und ich kam nicht hinterher zu antworten, so rasch kamen die Fragen. Das war ziemlich schockierend. Aber dann habe ich gelernt, darauf zu achten, welches Mitglied zahlender Kunde werden könnte und meine Zeit nicht im kostenlosen Bereich zu verschwenden.«

Was geschieht in einer privaten Webcam-Sitzung?

»Hauptsächlich sind es Gespräche. Ich mache manchmal Rollenspiele. Ein kleiner Teil ist Nacktheit und Masturbation«, sagt sie.

Zwar gäbe es Mitglieder, die versuchen, sie zu Dingen zu bringen, die sie nicht tun möchte, sie bleibe aber stets am Steuer.«

»Die Frau führt hier das Ruder, und das stärkt das Selbstvertrauen.«

Wichtig ist, den zahlenden Kunden so lange wie möglich da zu halten.

»Man kann 10 Minuten lang süß und sexy sein, und dann sollte man etwas zu sagen haben, sonst wird das Mitglied nicht bleiben«, so Andra Chirnogeanu, PR Managerin von Studio 20.

Für diese Zwecke beschäftigt Studio 20 Trainer, einen Psychologen und eine Englischlehrerin. Die meisten Kunden stammen aus Nordamerika und Europa, es ist also essentiell, dass die Models mit ihnen sprechen können.

Die Englischlehrerin hat aber auch Aufgabenbereich, die über das Vermitteln von Englischkenntnissen hinausgehen.

»Ich bringe ihnen auch Dinge über Fetische bei – was ein Fetisch ist, warum man sie hat … Wir beschäftigen uns mit Freud und viel Psychologie. Und wir studieren ein Buch über Mimik und Gestik, denn eine Frau muss sinnlich, smart und schön sein.«

Geografie ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, damit die Models über die Herkunft der Mitglieder Gespräche führen können.

»Entweder das oder exotische Orte«, meint Andrea. »Das Geschäft dreht sich nicht einfach nur um Sex, wie viele denken – Models müssen in der Lage sein, mit Mitgliedern so zu sprechen, als befänden sie sich in einer normalen Onlinebeziehung. Über viele unterschiedliche Themen zu sprechen, ist für beide Seiten angenehm.«

Studio 20 ist das größte Webcam-Franchise-Studio der Welt. Es verfügt in Rumänien über neun Niederlassungen, eine, die ausschließlich Camboys beschäftigt, die den schwulen Markt bedienen. Weitere Niederlassungen gibt es in der kolumbianischen Stadt Cali, in Budapest und Los Angeles.

Nicht alle Models arbeiten von einem Studio aus. Sandy Bell hat zwei Studien abgeschlossen und gehört zu der kleinen Armee von Frauen, die von zuhause aus, ihrer Webcam-Tätigkeit nachgehen. Sie verdient etwa 100 Euro pro Tag und bessert sich so ihr Einkommen als Innenarchitektin auf. Ein Vorteil ihrer Unabhängigkeit von Studios ist, dass sie direkt mit Webhosting-Unternehmen verhandelt und so einen größeren Prozentsatz des Mitgliederumsatzes erhält.

»Es sind überwiegend nette Typen, keine verrückten Männer«, sagt sie. »Viele Mitglieder suchen nach Liebe. Sie wollen eine echte Verbindung. Einige wollen, dass Du ihren Namen sagst. Oder dass Du mit ihnen sprichst, während Du tanzt und strippst. Ich bin sehr ehrlich zu ihnen – sie wissen, dass ich einen Freund habe, und sie wissen, dass wir keinen Sex im echten Leben haben werden.

Sandy Bells Partner lebt mit ihrem Freunden in einem Hochhaus im Randbezirk von Bukarest. Er weiß, was sie tut, aber ihre Eltern nicht. Es ist nicht selten in dieser Branche – und das gilt bis hin zu den Studiobetreibern – dass die Tätigkeit vor Familie und Freunden geheimgehalten wird. Daher wollen die meisten Gesprächspartner hier in Bukarest vor der BBC auch nur ihren Camnamen oder einen Vornamen benutzen.

Anders als in anderen Bereichen der Sexindustrie macht sich Sandy Bell keine Sorgen über ihre persönliche Sicherheit.

»Was kann ein Mitglied mir schon tun? Wenn er meine Grenzen verletzt oder frech wird, kann ich das mit einem Mausklick beenden. Ich kann auch mit dem Administrator sprechen und die IP-Adresse bannen lassen, so dass der Typ sich auch mit anderem Nicknamen nicht mehr einloggen kann. Ich meine, diese Leute sind Tausende von Kilometern entfernt. Die berühren einen nicht – niemand berührt einen. Man geht online und arbeitet alleine. Das hat nichts mit Prostitution zu tun.«

Ist Sandy Bell ein Opfer? Sie verneint das, auch wenn Feministinnen wie Irina Ilsei behauptet, dass es komplizierter sei, als es scheint.

»Sprechen wir über Frauen, die dazu gezwungen werden? Gibt es Frauen, die das wählen? Oder tun sie es, weil sie psychologisch manipuliert werden oder weil sie sonst keinen Lebensunterhalt erzielen können? Es vermutlich eine Kombination all dieser Faktoren.«

Ilisei glaubt, dass die hohe Schwangerschaftsrate unter rumänischen Teenagern zu dem Phänomen beitragen und auch der Umstand, dass 30% der Menschen mit höheren Abschlüssen keine Anstellung finden.

Die Webcambranche selbst ist selbst sehr umtriebig dabei, für Nachwuchs zu sorgen.

»Es gibt Werbeanzeigen auf dem Campus von Universitäten«, so Ilisei. »Studentinnen erhalten Facebooknachrichten mit Jobangeboten. Und die Studios sind sehr kommerziell – sie agieren wie Unternehmen mit Einstiegjobs in anderen Branchen. Mit ihrer Sprache werben sie darum, dass die Frauen selbstbewusst, unabhängig werden, sich weiterbilden können und Boni erhalten, wenn sie Freundinnen ebenfalls für die Branche rekrutieren.«

Für Lana bedeutete das Einkommen aus ihrer Arbeit als Camgirl, dass sie ihrer Tochter alleine aufziehen konnte und dass sie darüber nachdenken kann, Geld in etwas zu investieren, das »Geld ins Land bringt«.

Einige Frauen aber sind nicht so frei in ihren Entscheidungen wie Lana. Oana, 28, zählt sich selbst zu jenen, die der Sexindustrie entflohen sind. Mit 16 war sie an einen Freund geraten, die sie dazu überredet hat, als Webcamgirl zu arbeiten.

»Er sagte mir, dass ich nur chatten muss. Dass das alles wäre. Aber er war mit mir im Raum und wir haben Pornos gemacht.«

In Rumänien ist es illegal, dass Frauen und Männer zusammen Webcam-Sessions machen, es ist aber unklar, inwiefern das Verbot unterwandert würde. Oana hat späterhin als Prostituierte in Deutschland gearbeitet, bis sie den Mut gefunden hat, nach Bukarest zurückzukehren und ein neues Leben zu beginnen. Nun arbeitet sie in einem Verein gegen Sexarbeit und spricht mit Frauen über ihre Erlebnisse. Sie versucht sie, auf die Gefahren der Webcam-Branche aufmerksam zu machen.

»Es gibt Frauen, die glauben, dass sie einfach nur vor der Kamera sitzen und Geld verdienen. Doch alles, was sie da tun, hat einen Einfluss auf ihren Verstand. Der nächste Schritt ist Prostitution. Davon bin ich überzeugt.«

Lana widerspricht. »Es geht darum, seinen Kopf zu verkaufen, nicht den Körper«, sagt sie. »Ich sehe das als Performance, wie eine Show. Der Job ist aber nicht für jeden geeignet. Viele Mädchen steigen nach ein paar Wochen oder Tagen wieder aus, weil es sich für sie so anfühlt, als verkauften sie ihren Körper. Die eigene Einstellung ist bei diesem Job entscheidend. Ich habe meine Grenzen und ich fühle mich wirklich nicht ausgebeutet.«

Andra Chirnogeanu, die Pressesprecherin von Studio weist die Idee zurück, dass es sich um gefährliche oder psychologisch schädliche Arbeit handelt.

»Es ist psychologisch schädlich 12 Stunden zu einem Mindestlohn in einem Büro zu schufen«, sagt sie.

Aber dass Models so oft ihren Job verbergen, spricht vielleicht auch für sich. Wenn Lana und Sandy Bell ihren Lebensunterhalt mit dem verdienen könnten, was sie im Studium gelernt haben, würden sie sich dann immer noch dazu entscheiden, sich für Kunden in New York, Frankfurt und London auszuziehen?«

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