Sexshops in Deutschland erleben große Umwälzungen

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Sexshops auf der ganzen Welt sind gezwungen, sich zu verändern. Die Digitalisierung, eine veränderte gesellschaftliche und mediale Wahrnehmung sexueller Themen im Allgemeinen und von Sexspielzeug im Besonderen sowie kostenlose Pornos im Internet zwingen die gesamte Branche zum Umdenken und Ändern ihrer Geschäftsmodelle. Deutschland bildet da keine Ausnahme.

Das Insolvenzverfahren um Beate Uhse, Deutschlands legendären Erotikriesen, war nur das jüngste Zeichen für den anhaltenden Wandel in einer Branche, die vor 20 Jahren noch in halbseiden wirkenden Geschäften mit schlechtem Ruf verharrt war. Die zunehmende Popularität und Normalisierung von Sexspielzeug wurde durch popkulturelle Riesenerfolge wie »Sex and the City« und »50 Shades of Grey« sowie dem Siegeszug des Onlinehandels und dem offenen Internet unterstützt, das den Weg für Menschen geebnet hat, sich mit sexuellen und pornografischen Inhalten aus aller Welt über Sexualität, Geschlechtsidentität und Fetische in der sicheren Geborgenheit ihres eigenen Zuhauses zu informieren.

Während die gesellschaftliche Akzeptanz von Sexspielzeug und das öffentliche Verständnis für die Vielfalt der menschlichen Sexualität zunahm, erfolgte auch eine umfassendere Digitalisierung aller Bereiche der menschlichen Existenz. Währenddessen wurde einer der größten Umsatzträger in traditionellen Sexshops rund um die Uhr frei verfügbar: Der Aufstieg der kostenlosen Porno-Tubes erschütterte die Art und Weise, wie mit erotischer Unterhaltung Geld verdient wird und bedeutete zunehmend, dass Sexshops versuchen mussten, Sexspielzeug und sexuelle Wellnessprodukte zum neuen Kern ihres Geschäfts zu machen, während sie dabei gegen Online-Einzelhändler wie Amazon oder neu aufstrebende Kräfte wie Eis.de und Amorelie.de bestehen mussten.

Traditionelle Sexshop-Ketten wie Orion scheinen zwischen den Zeiten gefangen zu sein: die neu entstehenden Geschäftsmodelle sind noch nicht groß genug, um voll entwickelte Unternehmen zu erhalten und die alte Art, Sexspielzeug und Pornos zu verkaufen, verliert zunehmend Kunden und Umsätze. Ein typischer Orion Shop sieht zum Teil noch aus wie ein alter Sexshop: schlechtes Licht, eher dunkle, billige Fetischprodukte. Andere Flächen des Ladens zeigen ein neues Gesicht: offen, freundlich, einladend, Produkte mit Fokus auf Paaren und designorientiertes Sexspielzeug. Porno sind eher selten geworden. Es sind nur noch wenige DVDs in den Regalen. Der größte Teil des Raumes ist farbenfrohen, geschmeidig gestalteten Vibratoren, Plugs und sinnlichen Gleitmitteln und Massageölen vorbehalten.

Orions Konzept, beide Epochen zu bedienen, scheint derzeit zu funktionieren. Die ehemalige Tochtergesellschaft von Beate Uhse besitzt und betreibt bundesweit 147 Filialen und war eine Zeitlang sogar am Kauf der ehemaligen Muttergesellschaft interessiert. Nach wie vor sind Amazon und andere Online-Händler starke Konkurrenz für stationäre Shops, die immer noch mit der Scham und der Vorliebe der Kunden für Privatheit und Privatsphäre beim Einkauf von Sexspielzeug kämpfen.

Uwe Kaltenberg, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erotik Handel (BEH), sagt, dass vor 20 Jahren die meisten Sexshop-Besitzer 70% ihres Umsatzes mit dem Verkauf von Pornos auf VHS/DVD oder in ihren Pornokabinen gemacht haben. Laut BEH hat sich dieses Verhältnis komplett gewandelt. Heute stammen im Durchschnitt nur noch 30% der Einnahmen aus Pornos.

Der Wiesbadener Sexshop »Adam & Eva« wurde zu dem Thema vom Regionalmagazin Merkurist interviewt. Geschäftsführer Thorsten Müllenmeister sagte, dass sich seine Umsätze in den letzten Jahren zwar nicht verschlechtert haben, dass sich aber die Produkte, die er verkauft, verändert haben. Auch er beobachtet, dass die Nachfrage nach Pornos zurückgeht, während die Verkäufe von Sexspielzeug steigen. Alles in allem habe das nicht zu Verlusten für seinen Laden geführt.

Sein Kollege Stefan Leift vom »Erotic Dream Shop« zeichnet ein dunkleres Bild. Ihm zufolge leidet sein Geschäft unter der aggressiven Preispolitik der Online-Wettbewerber und sagt, dass er auch einen Online-Shop gegründet hat, um mit größeren Unternehmen zu konkurrieren. Vor fünf Jahren habe dieses Geschäft noch bedeutend mehr Spaß gemacht, meint Leift. Seiner Meinung nach gehe es immer stärker nur noch um den Preis. Für kleinere Shops könnte dies ein grundlegendes Problem werden. Es hängt also viel davon ab, ob der Trend zu größerem Beratungsbedarf anhält und von stationären Händlern wirklich bedient werden kann.

 

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