Die wirklich schmutzigen Geheimnisse der Pornobranche

Wenn heutzutage mehr denn je Pornografie konsumiert wird, weshalb verdienen die Leute, die sie herstellen, dann so wenig wie nie zuvor – und das obwohl sie unter heftigeren Bedingungen immer extremere Dinge vor der Kamera tun? Das sind die Fragen, um die es in “Pornocracy” geht, dem dritten und ambitioniertesten Dokumentarfilm von Ovidie, einer feministischen Pornoregisseurin und -darstellerin.

Sie taucht tief in die internationalen Epizentren der Pornobranche ein (wer hätte gewusst, dass ausgerechnet Ungarn ein Zentrum für Pornografie ist?), fokussiert sich im Film jedoch im wesentlichen auf die Darstellung des mysteriösen und ruchlosen Medienunternehmens MindGeek, das Ovidie “das Monsanto der Pornobranche” nennt.

MindGeek besitzt und betreibt eine ganze Reihe der meistbesuchten Pornoseiten (Pornhub, YouPorn, Redtube, Brazzers und My Dirty Hobby, um nur ein paar zu nennen). Viele dieser sogenannten “Tube-Seiten” – das sind Aggregatoren, die kurze Clips aus illegal verbreiteten Filmen veröffentlichen – sind kostenlos und für Minderjährige leicht zugänglich. Der Film behauptet, dass diese Veränderung im Seh- und Konsumverhalten für die drastisch gesunkenen Gagen der Darsteller, die Zunahme extremer Sexpraktiken und für die Schließung traditionsreicher Studios verantwortlich zu machen ist. Im Grunde erklärt Ovidie MindGeek also zum Totengräber der traditionellen Strukturen in der Pornobranche.

Beim Eintauchen in die Welt von MindGeeks Unternehmensgeschichte entdeckt Ovidie ein dunkles Netz aus Steuertricks, Offshore-Konten, Briefkastenfirmen und Einschüchterungen von Journalisten. Durch Interviews mit Journalisten und Branchenveteranen zeichnet Ovidie im Verlauf des Films eine überzeugende Parallele zwischen MindGeeks Geschäftsgebaren und dem einer großen, korrupten Organisation, die ihre Handlungen zu vertuschen sucht.

Als ehemalige Darstellerin wurde Ovidie auf MindGeek aufmerksam, als sich Szenen aus ihren Filmen auf den Seiten des Unternehmens verbreiteten. “Einige der Videos stammten von Filmen, in denen ich Ende der 90er Jahre mitgewirkt habe, Filme, von denen es nur ein paar Hundert Kopien gab”, schreibt sie in einer Erklärung zu ihrem Film. “Plötzlich waren sie wieder da und wurden von Millionen von Menschen gesehen. Das hatte für mich damals sofort Folgen für mein Leben.”

Der Film beginnt mit einem Mann, der eine Reihe von anstrengenden Tätigkeiten abspult, um die Anforderungen an eine Hardcore-Szene zu erfüllen; viele nutzen Betäubungssalben und Muskel-Entspannungsmittel, um mehrere Analszenen am Tag drehen zu können. Doch auch, wenn Pornodarsteller sich immer extremeren Szenen aussetzen müssen, tun sie dies für weniger Geld und nahezu keinerlei Ruhm. Wenn Filme auf Tube-Seiten auftauchen, gibt es in der Regel keinerlei Nennung der Darsteller oder des Studios. Damit sind die Zeiten einer Jenna Jameson oder eines Ron Jeremy endgültig vorbei; die heutigen Pornokonsumenten dürften kaum einen Pornostar namentlich nennen können. Im Interview wirft ein Pornoproduzent folgende denkwürdige Frage auf: “Wie können Sie Empathie zu diesen Frauen empfinden, wenn die gar nicht existieren?”

Ovidie tritt in ihrem Film selbst auf und erzählt häufig davon, wie es in der Branche früher war, ohne jedoch zu zeigen, wie es wirklich ausgesehen hat. Sie setzt voraus, dass das Publikum Branchenwissen hat und überlässt es dem Zuschauer die Lücken in ihrer Erzählung zu füllen. Möglicherweise wollte sie die schlüpfrigeren Teile ihrer eigenen Vergangenheit nicht ausbreiten, doch ihre Insiderkenntnisse hätten dem Film sicher geholfen.

Dennoch ist es natürlich genau diese ihr eigene Perspektive, die sie als jemand hat, der Pornofilme produziert und hinter und vor der Kamera mitgewirkt hat, was “Pornocracy” zu einem besonderen Film werden lässt. Trotz des anrüchigen Themas gibt es nur wenige Szenen, die im Hinblick auf Jugendschutz bei Youtube Schwierigkeiten machen dürften. Eine Darstellerin, die in einem Model-Haus in Budapest wohnt, denkt darüber nach, wie ihr Frühstück aussehen sollte, während sie sich die Unterwäsche für die nächste Szene überlegt (nur ein paar Bissen entfernt vor dem nächsten langen Tag mit Analszenen). Eine weitere Szene, in der eine Frau über 40 mit ihrem Ehemann und Regisseur auftreten, zeigt ein Paar, das sich im MILF-Bereich eine starke Nische geschaffen hat und das darüber hinaus als liebendes Duo inszeniert wird, das wie viele andere auch versucht, ein Familienunternehmen zu betreiben.

Wie der Rest der Unterhaltungsbranche ist auch der Erwachsenenbereich seit dem Aufkommen von HQ-Streaming-Diensten starken Wandlungen unterworfen. Und auch, wenn es nicht illegal ist, Pornos zu drehen, führt das Stigma gegen die Branche dazu, dass sie weitestgehend unreguliert und somit anfällig für missbräuchliche Vorgehensweisen ist. “Pornocracy” ist somit auch ein Service für die Darsteller der Branche und wirft ein Schlaglicht auf einen besorgniserregenden Trend, der manch einen darüber nachdenken lassen sollte, ob der kostenlose Pornokonsum wirklich vertretbar ist. Aus filmischer Sicht jedoch ist “Pornocracy” nicht viel mehr als ein Stück investigativer Journalismus.

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