Victoria’s Secret wechselt die Hände

Leslie Wexner

Der krisengeschüttelte Dessous-Konzern Victoria’s Secret kommt nicht zur Ruhe. Nach mehreren Jahren sinkender Umsätze geriet das Unternehmen durch seinen Eigentümer, den Milliardär Leslie Wexner, in den Sog der Sexring-Affäre um Jeffrey Epstein. Nun trennte sich Wexner von seinem Anteil an dem Unternehmen. Auf den Käufer, die Beteiligungsgesellschaft Sycamore Partners, wartet ein Berg Arbeit. Kann das ehemals glanzvolle Unternehmen wieder auf Kurs kommen?

Nach dem Rücktritt von Leslie Wexner, dem Gründer des Einzelhandelunternehmens L Brands, zu dem neben Victoria’s Secret auch die Kette Bath & Body Works gehört, war ein erstes Signal gesetzt, dass die gegenwärtige PR-Krise aufgrund des Sexskandals um Jeffrey Epstein die wirtschaftliche Misere der Reizwäsche-Tochter nur noch verstärkte und nicht ohne Folgen bleiben konnte.

Wexner hatte sich nicht nur jahrelang von Jeffrey Epstein beraten lassen, sondern ließ offenbar den Großteil seines Vermögens von dem verurteilten Sexualstraftäter und mutmaßlichen Führer eines Pädophilenrings Jeffrey Epstein verwalten. Auch auf das Herzstück seines Imperiums, den Unterwäschehändler Victoria’s Secret, hatte Epstein Einfluss. Einen Teil seiner Opfer soll er mit der Aussicht auf Model-Jobs bei Victoria’s Secret in seinen Umkreis gelockt und dann teils über Jahre selbst missbraucht und zum Sex mit seinen vermögenden Freunden gezwungen haben.

Epstein-Verbindung zu L Brands Gründer bis heute unklar

Warum der Multimilliardär und Firmengründer Wexner dem zwielichtigen Epstein so wichtige Rollen übertrug, ist bis heute unbeantwortet geblieben. Nach dem Selbstmord Epsteins wurde jedoch klar, dass auch andere Führungsmitglieder bei Victoria’s Secret ihre Position im Unternehmen missbraucht hatten, um sich vermeintliche Vorteile bei Frauen zu verschaffen.

Der 82-jährige Firmengründer Wexner geriet mehr und mehr unter Beschuss. Bis vor wenigen Jahren galt der einstige Eigentümer von Marken wie Abercrombie & Fitch und Henri Brendel als einer der extrem erfolgreichen Mitbegründer des Konzepts der Shopping Mall, die die US-Einzelhandelskultur über Jahrzehnte prägte. Zuletzt schien ihm das Glück nicht nur bei der Auswahl seiner Unternehmensmarken nicht mehr hold. Auch was seine Freunde und geschäftlichen Umgang angeht, gibt es viele Fragezeichen.

Mit dem Rücktritt Wexners, der sich bis heute über seine Beziehung zu Epstein bedeckt hält, war das ohnehin kriselnde Gefüge aus Victoria’s Secret und und Bath & Body Works im freien Fall. In einem zweiten Schritt trennt sich L Brands nun vollkommen von dem 55%-igen Anteil an Victoria’s Secret. Für lediglich 525 Millionen Dollar geht  die Mehrheit an dem legendären Unternehmen an die Investmentgesellschaft Sycamore Partners. Statt die Börse aber zu beruhigen und L Brands zu stabilisieren, scheinen Analysten ob des geringen Verkaufspreises in Sorge und raten vom Kauf von Aktien des Unternehmens ab.

Befreiungsschlag? Oder Verzweiflungstat: Große Schulden bei L Brands

Randal J. Konik ist ein Einzelhandels-Analyst. Im Interview mit dem Wall Street Journal sagt er: »Ein Teilverkauf zu diesem niedrigen Preis wird dem Unternehmen nicht helfen, die massive Schuldenlast zu reduzieren und zeigt wie verzweifelt LB ist, VS loszuwerden.«

An der Spitze von L Brands folgt auf Wexners Rücktritt der bisherige COO von Bath & Body Works, der weitaus profitableren Kette der Handelsholding. Er muss nun für Ruhe im Restunternehmen sorgen. Dies dürfte im Anbetracht von 5,5 Milliarden Schulden, die auf der Unternehmensgruppe lasten, keine leichte Aufgabe sein. Zwar stammen die Schulden im Wesentlichen aus dem Niedergang von Victoria’s Secret, doch dürfte diese Summe auch ohne den Verlustbringer schwer abzutragen sein.

Victoria’s Secret: Vom wertvollen Schmuckstück zum toxischen Verlustbringer

Was immer den ehemaligen Eigentümern von Victoria’s Secret als Aufgabe bevorsteht, die Käufer des Unterwäscheunternehmens dürften noch weitaus größere Probleme vor sich haben. Das einstige Milliardenunternehmen ist in Zeitalter von Metoo und wachsenden Feminismus-Bewegungen weltweit zu einem problematischen Fall geworden.

Und diese Probleme haben nicht nur mit der Epstein-Verbindung und Missbrauchsvorwürfen gegen ehemalige Manager zu tun – sie betreffen auch das Kernprodukt: Wie Bonbons verpackte Frauenkörper mit den Standard-Barbie-Maßen 90-60-90. In den 80er und 90er Jahren waren die jährlichen Modeshows des Unternehmens heiße Einschaltquotenhits und einige der Supermodels wurden für viele Traumfrauen und Vorbilder. Heute jedoch sind die teuren, oftmals sexuell überbetonten Produkte des Unternehmens mit modernen Frauenbildern nur schwer vereinbar.

Hinzu kam, dass sich der Marktführer kaum um die Veränderungen im Zeitgeist scherte. Günstigere und schließlich auch hippere Konkurrenten wie Lively und ThirdLove konnten den Markt mit heutigen Botschaften, frechem Marketing und populäreren Designs aufrollen und die hohen Margen bei Victoria’s Secret zum Einbrechen bringen.

Kann die neue Führung das ehemals erotisch knisternde Unternehmen retten? Dazu bräuchte es vermutlich drastische Korrekturen in der Produktlinie, im Marketing und auch in der Firmenkultur.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here