Warum dominiert Fleshlight den Markt für Sextoys für Männer?

Men’s Health berichtet: »Die weitverbreitete Gummivagina von Fleshlight ist das mit Abstand beliebteste Sexspielzeug für Männer. Warum aber gibt es so wenig Alternativen? Eine kleine Geschichte des Aufstiegs des Strokers.

Wenn man darüber nachdenkt, worein man als Mann seinen Penis stecken könnte, dürfte einem nicht auf Anhieb eine Taschenlampe einfallen. Für die meisten Männer dürfte die Vorstellung unangenehm sein, ihr bestes Stück in ein kaltes Metallgehäuse oder in eine dicke Plastikhülse zu schieben. Und dennoch ist es so, dass wenn Sie an männliches Sexspielzeug denken, das erste, das Ihnen in den Sinn kommt, mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Fleshlight ist.

Seit mehreren Jahren hat sich Fleshlight als Nummer 1 unter den Herstellern von männlichen Sexspielzeugen etabliert. Das Sextoy gehört auf jeden Fall zu den am weitesten verbreiteten: Wenn man an Sextoys für Männer denkt, denkt in der Regel an Fleshlights. Doch woher diese seltsame Masturbationshilfe? Und was sagt die Beliebtheit des Strokers über die Vorstellung männlicher Sexualität aus?

Steve Shubin ist ein ehemaliger Polizeibeamter aus Los Angeles. Er ist ein etwas unwahrscheinlicher Pate der Sextoy-Industrie und dennoch der geistige Vater des Fleshlight. Mitte der 90er Jahre erfuhren Steve und  seine Frau Kathy Shubin, eine professionelle Tennisspielerin, dass sie Zwillinge erwarteten.

Kathy war bereits 40 Jahre alt und das bedeutete, dass sie eine Risikoschwangerschaft vor sich hatte. Ihr Arzt riet ihr daher davon ab, Sex zu haben. Steve und Kathy besprachen diese Situation, in der sie nun neun Monate sexuell auf dem Trockenen sitzen würden. Steve fragte sich, wie Kathy sich fühlen würde, wenn er eine Masturbationshilfe kaufte. Keiner von beiden aber konnte sich ernsthaft mit dem Gedanken anfreunden, dass der 150 Kilo schwere Ex-Cop auf einer Gummipuppe herumhampelt. Damals sei dies aber das einzige Angebot gewesen, das der Markt hergab. Es wimmelte von qualitativ minderwertigen, schäbig aussehenden Produkten. Deshalb entschied sich Steve sein Sextoy selbst zu basteln.

Die Shubins investierten 50.000 Dollar in das inzwischen patentierte SuperSkin, ein relativ realistisches Imitat der menschlichen Haut. 1995 brachten sie eine Kollektion von sexuell nutzbaren Körperteilen auf den Markt – im Wesentlichen waren dies Vagina- und Anus. Diese verkauften sich zunächst schlecht: die Kunden schienen Angst zu haben, dass die einzelnen Körperteile entdeckt werden könnten. Steve begriff, dass er sein Produkt kleiner und unscheinbarer machen musste. Etwas, das man einfach so herumliegen lassen konnte.  »Was haben Männer massenhaft rumliegen?«, fragte er sich. Und die Antwort war klar: Werkzeug. Eine Hülle in Form einer Taschenlampe schien unscheinbar genug. Die Idee für den Fleshlight war geboren.

Die Shubins patentierten ihr Produkt 1997. Seitdem verkaufen sie Fleshlights in Massen, anatomisch eindeutige Replikate von penetrierbaren Körperöffnungen – und seit Jahren auch exakt nachgebildete Körperöffnungen berühmter Pornostars. Laut Angaben der Shubins hat das Unternehmen seit seiner Gründung vor zwei Jahrzehnten mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz erzielt. Etwa 90% davon fallen auf die nachgebildete Vagina.

Inzwischen dominiert der Fleshlight den Markt für Sexspielzeug für Männer (zumindest jenen für heterosexuelle Männer). Shubin hat eine einfache Erklärung dafür.

»Männer funktionieren stark übers Auge, sie werden also von dem stimuliert, was sie sehen. (…) Wenn Sie sich selbst beim Eindringen und Herausgleiten zusehen können und sich das Material auf die gleiche Weise verhält, wie sich die weibliche Anatomie verhalten würde, dann funktioniert das recht gut.« Wichtig, so Shubin sei vor allem, dass das Design diskret sei.

Allerdings ist nun eine Gummi-Vagina nicht wirklich Ausdruck größten Geschmacks und anders als bei Sextoys für Frauen, scheint sich bei Männern noch immer ein gewisses Stigma erhalten zu haben. »Ich würde mich sogar dann schämen, wenn es keiner wüsste«, sagt einer meiner männlichen Freunde, als ich ihn zum Fleshlight befrage. Der Eindruck wird von Umfragen gedeckt. 2016 führte der Sextoy-Hersteller Tenga eine Umfrage unter 1.200 Amerikanern durch. Die Teilnehmer wurden über ihre Masturbationsgewohnheiten befragt. Während 42% der teilnehmenden Frauen angaben, Sextoys zu besitzen, sagten dies nur 20% der Männer.

Im Markt für Frauen tut sich immer noch bedeutend mehr. Sextech-Startups und zahlreiche Produkte, die großen Wert auf qualitative Verarbeitung und Design legen, betreten immer noch in großer Anzahl den boomenden Markt. Seit klar wurde, dass Frauen durchaus bereit sind, mehr als 10 Dollar für ein Sextoy auszugeben, wenn es ansprechend gestaltet ist, strömen immer mehr, oftmals von Frauen gegründete Startups auf den Markt. Männer allerdings schauen weiterhin in die wortwörtliche Röhre. Die Frage ist also: Warum werden Vibratoren technologisch immer ausgefeilter, während Männer im Wesentlichen noch immer auf Varianten des Fleshlight zurückgreifen müssen?

Ein Teil der Antwort ist natürlich recht offensichtlich. Schließlich ist das Einführen des Penis – ob nun in einen Mund, einen Anus, eine Vagina oder in eine geballte Hand – immer noch die beste Variante, um einen Orgasmus zu erreichen, doch sorgt dies für relativ eingeschränkte Design-Möglichkeiten. Laut Chris Schenk, einem ehemaligen Mitarbeiter von Fleshlight, der sich inzwischen selbständig gemacht hat, ist dies jedoch nur ein Teil der Antwort. Hersteller und Händler konzentrieren sich auf das, was funktioniert, meint Schenk. Da der Fleshlight sich extrem gut verkauft, scheint es wenig Anreize zu geben, das Rad neu zu erfinden.

»Wie in jeder Branche kopieren sich auch in der Sextoy-Industrie die Leute so lange gegenseitig, bis jemand mit etwas den Markt betritt, das wirklich eine einzigartige Erfahrung ermöglicht.««

Schenk weiß ein Lied davon zu singen: als er versuchte, sein eigenes Sextoy blewit! auf den Markt zu bringen, schlug ihm eine Menge Skepsis entgegen. Trotz einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne, bei der er über Indiegogo fast 100.000 Dollar eingenommen hat, waren die Antworten der Händler meist: »Wir haben bereits zu viele Masturbatoren. Was unterscheidet euren?«

Laut Schenk versuchen viele Hersteller »den Wunsch nach einer neuen Erfahrung« zu bedienen. Dies aber bringt Einschränkungen mit sich. Brian Sloan beispielsweise ist der Erfinder des Autoblow 2 (ein Zylinder, in den der Besitzer seinen Penis einführt, um eine Massage zu bekommen, die das Gefühl eines Blowjobs imitieren soll) und des 3Fap (eine überbordende Fleshlight-Variante, die alle drei Körperöffnungen in einer Masturbations-Hilfe vereinigt). Sloans Ziel ist es, dass das Autoblow den Blowjob so gut imitiert, dass man mit verschlossenen Augen den Unterschied zu einem echten nicht mehr erkennt. Doch eine mechanische Version des Blowjob-Feelings zu entwickeln, ist eine anspruchsvolle und relativ teure Aufgabe.

»So etwas kostet«, erklärt Sloan, »und das größte Problem im Markt für Sexspielzeug ist, dass der Massenmarkt keine Preise von 300 oder 400 oder gar 500 Dollar für ein Sextoy hergibt. Wenn das anders wäre, könnte man für diesen Preis unfassbare Produkte entwickeln.«

Sextoy-Hersteller für Männer müssen auch gegen das weitläufige Vorurteil ankämpfen, dass es Männern egal sei, in was sie ihre Schwänze stecken. Diese sehr einschränkende Sicht auf männliche Sexualität ist eine der größten Hürden bei der Entwicklung und Durchsetzung neuer Ideen. Dies sieht auch der Sexexperte Dr. Chris Donaghue so.

»Die Medien und unsere Kultur sorgen dafür, dass die männliche Sexualität in den Grenzen des schnellen, faulen und penetrations-basierten Modells gefangen bleibt«, so Donaghue gegenüber Men’s Health.

Alicia Sinclair, Sexpädagogin und Gründerin der Sextoy-Hersteller b-Vibe und Le Wand glaubt, dass der Markt für Masturbationshilfen für Männer aber auch deshalb begrenzt sein könnte, weil es nur wenig Anreiz gibt, Geld für etwas auszugeben, das man auch mit der eigenen Hand leicht erreicht. Während Vibratoren und G-Spot-Stimulatoren Frauen dabei helfen können, ihre Lust zu entdecken und ihren eigenen Körper kennenzulernen (etwas, wovon man sie in der Geschichte der Menschheit traditionell eher abhalten wollte), ist dies für Männer kein gleich großes Thema. Männer haben in der Regel bereits seit der Pubertät masturbiert und kennen sich mit ihrer eigenen Anatomie oft gut aus.

Der Schlüssel für innovativere Sextoys für Männer könnte darin liegen, eine breitere, umfassendere Sicht auf die männliche Anatomie zu entwickeln, so Sinclair. Sie glaubt, dass die Hersteller Produkte entwickeln sollten, die auf erogene Zonen wie das Frenulum, den Hoden oder die Prostata ausgerichtet sind. Sie empfiehlt auch »die gleichen Dinge, die auch für Vagina oder Vulva entwickelt wurden« hinzuzugeben, also Saug- und Pulsfunktionen.

Interessantere Sextoys für Männer wird es vermutlich nur geben, wenn mit der Idee aufgeräumt wird, dass Sexspielzeug nur für bestimmte Menschen interessant sein. Die Erfolgsgeschichte des Fleshlight sollte nicht darüber wegtäuschen, dass auch männliche Lust sehr individuell verschieden sein kann und dass eine Allround-Hülle nicht unbedingt für jeden das Richtige sein muss.

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