Ein halbes Jahrhundert Magic Wand – Die Geschichte eines Erfolgprodukts

magic wand

Es ist das Massagegerät, das alles ausgelöst hat. Es wird seit Jahrzehnten von Millionen von Frauen geliebt. Er wird als »Cadillac der Vibratoren« bezeichnet und ist zweifellos seit 50 Jahren das beliebteste Massagegerät auf dem Markt: Der Hitachi Magic Wand. Und das, obwohl sein Hersteller sich so sehr für den ungeahnten Erfolg schämte, dass er die Produktion nahezu einstellte.

Für diejenigen unter Ihnen, die im Einzelhandel oder in der Erotikbranche tätig sind, ist der Magic Wand ein lang vertrauter Begleiter. Er ist der zuverlässige Vibrator, den Frauenärzte, Sexualtherapeuten und Psychologen empfehlen, wenn sie beispielsweise mit Störungen der Orgasmusfähigkeit zu tun haben. Es ist das Gerät, das man als Kundin oftmals empfohlen bekommt, wenn man nach dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis fragt.

Die Zuverlässigkeit des Geräts und seine Fähigkeit, sich unauffällig unter die anderen Haushaltsgeräte zu mischen, haben den Magic Wand zum meistverkauften Vibrator aller Zeiten gemacht. Während seiner 50-jährigen Geschichte hat der Magic Wand jedes andere Sexspielzeug hinter sich gelassen, indem er unzähligen Frauen Befriedigung verschafft hat und die Art verändert hat, wie Sexspielzeug an Verbraucher verkauft  werden. Die Geschichte des Produkts selbst ist auch eine Geschichte des Handels mit Sexspielzeug.

Hitachi, der in Japan ansässige multinationale Hersteller, der von riesigen Baumaschinen bis hin zu Reiskochern hunderte von Produkten anfertigt und verkauft, patentierte 1968 den Hitachi Magic Wand. Ursprünglich als langes, geripptes, zepterförmiges Gerät mit einem ebenso gerippten, festen, Coladosen-großen Kopf erhältlich, bot der Hitachi, wie er genannt wurde, zwei Vibrationsstufen an. Die Hauptfunktion des Hitachi war laut Herstellerangaben die Tiefenmassage der Muskeln und Schultern nach einem sportlichen Training oder einem angespannten Tag. Erst Jahre später wurde klar, wie umfassend dieses Gerät bereits von Anfang an zweckentfremdet wurde.

Hitachis Magic Wand durchlief optische Veränderungen

In den frühen bis mittleren 70er Jahren wurde das Massagegerät mehrfach umbenannt. Die Farbe wurde mehrfach dem Zeitgeschmack angepasst, so gab es ihn zeitweilig in Braun, dann in Beige. Auch eine hellbraune Version war erhältlich, die sich vor allem in den 70er Jahren großer Beliebtheit erfreute. Irgendwann wurde der Kopf neu gestaltet. Beim Neudesign sollte er nun einem Tennisball ähnlicher sein, er bekam ein neues Bezugsmaterial, um weicher zu sein und bei Massagen größeren Komfort zu bieten.

Mit dem Neudesign ging auch ein neuer Name einher. »The Workout« prangte stolz auf den Boxen mit ebenso trendigen Darstellungen von Frauen in Laufshorts und Tank Top.

Mitte der 70er Jahre wechselte Hitachi die Verpackung erneut. Nun war darauf ein Foto eines voll bekleideten, Farrah Fawcett-ähnlichen Modells mit zarter Föhnfrisur und nach außen gestylten Spitzen zu sehen, das den potenziellen Käufer mit einem ernsten Gesichtsausdruck ansah.

Natürlich gab es ein kleineres Bild des Zauberstabs, das ihrem provokanten Blick hinzugefügt wurde, um diese Käufer genau daran zu erinnern, was sich im Inneren des Pakets befand.

Die Rolle des Magic Wand bei der Entstehung feministischer Sexläden

Während der Zauberstab auf dem allgemeinen Verbrauchermarkt an Popularität gewann, begann der Aufstieg der feministischen Bewegung. Federführend war auch die Sexualpädagogin und Künstlerin Betty Dodson (alias »The Mother of Masturbation«) in New York City. Beginnend mit ihrem bahnbrechenden Buch »Liberating Masturbation« (1974) glaubte Dodson, dass Frauen den Orgasmus häufiger und angenehmer erreichen würden, wenn sie ein zuverlässiges Massagegerät mit Kabel verwendeten, das während der Masturbation fest auf der Klitoris platziert wurde. Sie hatte recht.

Betty begann Anfang der 70er Jahre, in Zeiten von Encounter-Gruppen und Selbsterfahrungstreffen mit ihren berüchtigten Bodysex-Workshops für Frauen, in denen sie das leicht erhältliche Panasonic Panabrator-Massagegerät verwendete. Mit einem flacheren, kreisförmigen Kopf wurde der Panabrator zur klitoralen Stimulation während Gruppenmasturbationen eingesetzt. Bald nachdem Betty den leichteren und handlicheren Hitachi entdeckt hatte, stellte sie fest, dass er einfacher für ihre Sitzungen zu verwenden war. Also begann sie statt des Panabrators, den Hitachi in ihre Workshops aufzunehmen.

Eine der Frauen, die sich um 1973 für einen ihrer Workshops anmeldete, war die schüchterne, zierliche Marketing-Fachfrau Dell Williams. Williams hatte Betty Jahre zuvor in einem Yoga-Retreat kennengelernt und trat nun an Betty heran, um ihre Bodysex-Workshops kennenzulernen. Während des Workshops war Williams von ihrer Erfahrung mit dem Hitachi fasziniert und kaufte sich selbst einen. Sie ging in eine örtliche Macy-Filiale und bat den Angestellten um ein Massagegerät. Als der Angestellte sie fragte, wofür sie es verwenden wolle, empfand Williams dies in ihrer Verlegenheit als Demütigung. Konsequent beschloss sie, den Status quo der Masturbation und der weiblichen Sexualität infrage zu stellen und einen Ort zu schaffen, an dem Frauen Sexspielzeug in einem komfortablen, frauenfreundlichen Raum kaufen konnten. So entstand der erste große weibliche, sex-positive Sexshop: Eve’s Garden, eröffnet von Dell Williams, an der Upper Westside von New York City in einem kleinen Büro im 12. Stock, wo er heute noch beheimatet ist – 44 Jahre nach seiner Gründung.

An der Westküste begann Joani Blank, eine Gesundheitspädagogin in San Francisco, Frauen ohne Orgasmuserfahrung beizubringen, wie man beim Sex entspannter sein könne. 1976 veröffentlichte sie ein kleines Buch mit dem Titel »Good Vibrations«, in dem es um Vibratoren und Vergnügen für Frauen ging. Das Buch zeigte den Hitachi Magic Wand auf dem Cover – und Blank wusste, dass ein harmlos aussehendes Massagegerät auf dem Cover dem Buch eine Platzierung in den hinteren Reihen oder unter dem Ladentisch ersparen würde.

Ähnlich wie für Dell Williams war es Joani Blanks Ziel, einen »sicheren, gut beleuchteten Ort« für Frauen zu schaffen, an dem sie nach Vibratoren suchen könnten. 1977 eröffnete sie ihren eigenen Shop im Mission District San Franciscos und taufte ihn Good Vibrations. Kurz nach der Eröffnung entwickelte sich der Hitachi Magic Wand zu einem Bestseller – und ist es bis heute.

Auftritte in der Popkultur

Der Magic Wand wurde auch in einigen Filmen prominent gezeigt, darunter »Bachelor Party« (1984) mit einem jungen Tom Hanks und der lesbisch-feministische Klassiker »Everything’s Relative« (1994), wo er als Mikrofon scherzhaft Verwendung findet und auch in einer 20-minütigen Sequenz am Ende des Films als Masturbationsgerät eingesetzt wird. Seinen berühmtesten Auftritt hatte der Zauberstab aber in »Sex and the City« im Jahr 2002. Nachdem Samantha Jones sich ein Exemplar gekauft hatte, verwendete sie ihn abends entspannt und genießt die Anwendung überaus offensichtlich. Diese Szene löste einen wahrhaften Boom aus: innerhalb kurzer Zeit war der Hitachi Magic Wand in den USA ausverkauft.

Cosmopolitan bezeichnet den Magic Wand als den Vibrator, der von Sextherapeuten am häufigsten empfohlen wird, Leserinnen des Mobile Magazines wählten ihn 2005 in die Liste der »Top Gadgets of all Time«, Engagdet beschrieb ihn als das »bekannteste Sex Toy der Welt«.

Studien unterschiedlicher Universitäten fanden heraus, dass er nicht nur Frauen mit Orgasmusproblemen helfen kann, sondern auch im Falle einiger Krankheiten von großem Nutzen ist. So hilft er – wenn man zwei von ihnen, jeweils an einem Bein des Patienten befestigt – bei chronischem Schwindel, und lindert auch Schmerzen bei Frühgeborenen, deren Füße durch Nadeleinstiche bei medizinischen Behandlungen beeinträchtigt sind. Parkinson-Patienten verhilft er zu besserer Muskelkontrolle, wenn er regelmäßig genutzt wird.

Feministische Fürsprecherinnen

Die sexpositive feministische Schriftstellerin Susie Bright bezeichnete den Magic Wand als einen ihrer beiden Lieblingsvibratoren und nannte es ein Wunder, dass das Gerät in weniger als sechzig Sekunden einen Orgasmus hervorrufen könne. Die Autorin Kathy Shaidle schrieb, dass das Massagegerät in der Lage sei, Frauen gleich mehrere Orgasmen in Folge zu bescheren. Shaidle meinte auch, dass seine Wirksamkeit nicht durch sein Aussehen beeinträchtigt würde, das eher betulich schien.

Die Soziologin, Sexologin und sex-positive Feministin Carol Queen kritisierte den CO2-Fußabdruck des Zauberstabes, weil er aus Japan importiert würde, lobte aber andere umweltfreundlichen Eigenschaften des Geräts, einschließlich des batterielosen Betriebs und der langen Haltbarkeit im Vergleich zu anderen Vibratoren.

Die Sexologin Gloria Brame schrieb in ihrem Buch »The Truth about Sex«, dass der Magic Wand eines der erfolgreichsten Masturbationshilfsmittel überhaupt sei und erklärte, dass er aufgrund seines unscheinbaren Äußeren besonders beliebt sei.

Diese Liste ist endlos fortsetzbar. Kurzum: Der Hitachi Magic Wand war bei Kunden und feministischen Vorkämpferinnen äußerst beliebt.

Die Produktionsgeschichte eines ungeliebten Bestsellers: Hitachis Bauchschmerzen

Der erzkonservative Hersteller aus Japan jedoch war mit dem unerwarteten Erfolg des Magic Wands alles andere als glücklich. Bis zum breitflächig einsetzenden Boom der Sextoy-Industrie in den 2000er Jahren duldete der Konzern die Zweckentfremdung und den Ruhm des Geräts lediglich. Zunehmend berichten Händler jedoch davon, dass Hitachi durch Exklusivverträge mit Distributionsunternehmen die Anzahl der Magic Wands auf dem Markt begrenzte.

Richtig warm wurde man dort also mit der Tatsache, ein solch wirksames Sexspielzeug herzustellen, nicht. Vibratex, ein US-Vertriebsunternehmen und Hersteller von Sextoys, verhandelte mit Hitachi und überzeugte das Unternehmen 2002, die Produktion fortzusetzen, indem das Unternehmen im Voraus für eine ganze Containerladung des Geräts bezahlte. Der Unmut bei anderen Händlern aber wuchs.

2013 beschloss Hitachi, die Produktion des Magic Wand einzustellen – man wollte den Firmennamen nicht mit einem Sexspielzeug verknüpft wissen. Der Operationschef von Vibratex, Eddie Romero, erklärte dazu in einem Interview, dass Hitachi ein »extrem konservatives« Unternehmen sei, dem es sehr unangenehm sei, mit dem bestverkauften Masturbationsgerät der Welt in Verbindung gebracht zu werden. Doch Vibratex wollte dies nicht hinnehmen. So handelte die Firma mit Hitachi einen Kompromiss aus: Man würde den Magic Wand in neuer Verpackung wieder auf den Markt bringen.

Vibratex überzeugte Hitachi also erneut, das Gerät weiter herzustellen und es in »Original Magic Wand« umzubenennen. Jedweder Hinweis auf den Hersteller Hitachi wurde getilgt. Das neu benannte Gerät kehrte am 25. Juni 2013 mit verbesserter Technik und modifizierter Bildsprache auf der dazugehörigen Verpackung auf den Markt zurück. Allein 2014 konnte Vibratex 250.000 Magic Wands in den USA verkaufen. Hitachi selbst vermarktete das Gerät bis Oktober 2016 weiterhin nicht für sexuelle Zwecke, sondern bewarb das Produkt nach wie vor als »intimes« Massagegerät. Währenddessen aber setzt sich der Siegeszug des Magic Wands fort.

 

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