Fotoband erzählt die Geschichte der Pornografie in Deutschland

history of german porn

Das internationale Verlagshaus Goliath, das von Miki Bunge geleitet wird, gehört zu den interessantesten Verlagen, die verlässlich Bücher zur kulturellen und künstlerischen Bedeutung von Pornografie und erotischer Fotografie veröffentlichen. Der kleinformatige, aber umfangreiche Band »History of German Porn« erzählt die Kulturgeschichte der Pornografie in Deutschland von der Zeit der ersten Daguerreotypen bis hin zur sexuellen Revolution der 1960er.

Deutsche haben den Ruf, etwas prüde oder moralisch streng zu sein. Das Buch »History of German Porn« beweist nicht nur das Gegenteil, sondern bietet auch eine hervorragende Einführung, um sich eingehender mit der reichen Geschichte der erotischen Fotografie und Pornoproduktion in Deutschland zu beschäftigen. Behandelt wird ein Zeitrahmen von den 1840ern bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, also eine Zeit erheblicher kultureller, politischer, technologischer und sozialer Umbrüche, die beide Weltkriege, die turbulenten 20er Jahre, die Zeit des Kalten Krieges und die sexuelle Revolution der 60er. Ein großes Panorama. Und hat man sich einmal eingelesen, ist man etwas betrübt, das der Band nicht noch durch die 80er und die ersten Internetjahre führt.

Das Buch ist reichhaltig illustriert mit Schwarz-Weiß-Fotografien aus einer privaten Sammlung namens »Gretchen Kraut Collection«. Dies dürfte den zeitlichen Rahmen der Exponate und des Buches erklären. Weitere Angaben zur Herkunft werden in dem Band nicht gemacht. Alle Artikel sind zweisprachig auf Englisch und Deutsch, das Vorwort sogar auf Französisch, Spanisch und Italienisch abgedruckt.

Der Band eröffnet mit einer kurzen Geschichte der erotischen Postkarte, ein weites Feld für Erotica-Sammler. Die Geschichte der sündigen Karten kann bis zu den ersten Daguerreotypen und damit bis zur Erfindung der Fotografie selbst zurückverfolgt werden. Sobald die Menschen in der Lage waren, Fotos zu machen, änderte sich die Welt der Erotika für immer. Die Herstellung und Verbreitung war aufgrund der Zensur- und Sittengesetze der Zeit den Großteil der Geschichte hindurch extrem gefährlich. Da die Nachfrage und etwaige Profite aber hoch waren, konnten die Behörden Pornografie nie wirklich verhindern.

Ein großer Teil des Buches beschäftigt sich mit schwulen und lesbischen Erotica. Als Einführung für diese beiden Kapitel widmet der Band auch dem berühmten Hirschfeld Archiv ein eigenes Kapitel. Magnus Hirschfeld war ein deutsch-jüdischer Arzt, der weithin als einer der ersten Sexforscher und homosexuellen Aktivisten anerkannt ist.  1897 war er Mitgründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees, die weltweit erste Organisation, die sich für die Entkriminalisierung von Sex zwischen Männern einsetzte. (Lesbischer Sex war im Kaiserreich nicht verboten). Hirschfeld hat durch Umfragen und Forschungen riesige Datenmengen gewonnen. 1919 gründete er das Institut für Sexualwissenschaft und wurde zu einem einflussreichen Sexforscher, mehrere Jahrzehnte vor Kinseys bahnbrechenden Arbeiten. Hirschfelds Werke und Institute wurden unter den Nazis unmittelbar verboten, sie wurden erst viel später für die Sexualforschung wiederentdeckt.

Zwei Kapitel in »History of German Porn« drehen sich um »Die deutsche Freikörperkultur« und »Ethnografische Aktfotografie«, Themen, die eng mit den sogenannten »Lebensreformbewegungen« auf der einen Seite und der kolonialen Perspektive des wilhelminischen Reiches um 1900 verbunden sind.

Auch der »Sexualität im Dritten Reich« ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Wer sich für dieses Thema eingehender interessiert, der findet im Programm des Goliath Verlags einen weiteren Titel »Private Pornography in the Third Reich«.

Mit zwei weiteren Kapiteln zur Verwobenheit von Pornografie und Politik – das eine »Sexualität in der DDR« sowie »Sexuelle Revolution« unterstreicht das Buch, dass Pornografie und Sex die gesamte Geschichte hindurch ein hoch politisches Thema waren. So wird aus dem über weite Strecken auch unterhaltsamen Buch zugleich ein kulturgeschichtliches Zeugnis.

Kapitel zu Zensur, Prostitution und das Aufkommen von Amateur-Pornografie runden den informativen und spannenden Band ab. Es ist natürlich klar, dass ein Fotobuch eine vollständige Kulturgeschichte nicht ersetzen kann und bisweilen scheinen die Artikel ein klein wenig zu kurz geraten. Das kann aber nicht von dem wertvollen Beitrag ablenken, den das Buch leistet. Darüber hinaus bieten die Quellenangaben für Interessierte zahlreiche Anhaltspunkte zur vertieften Lektüre.

Das Buch ist für jeden, der sich für die Kulturgeschichte der Pornografie interessiert, sehr zu empfehlen. Es dürfte sich auch als hervorragendes Impulskauf-Objekt an der Kasse anbieten, insbesondere geeignet als Testlauf für Sexshops und Einzelhändler, die ihr Sortiment auf Bücher erweitern wollen.

»History of German Porn«, Goliath Books, Frankfurt a. M./New York, 272 Seiten. ISBN 978-3-936709-37-7 $29.95 / €19.90

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