Deutscher Wissenschaftler untersucht Amateur-Pornos

Amateurpornografie

Die Kulturgeschichte der echten Amateurpornografie muss erst noch geschrieben werden. Der Sozialwissenschaftler Sven Lewandowski schafft schon mal die Grundlagen und bittet um Mithilfe.

In Bielefeld wird derzeit die Landschaft der Amateurpornografie unter die Lupe genommen. Der Soziologe Sven Lewandowski beschäftigt sich in einer großangelegten Untersuchung mit Amateur-Sexvideos aus Deutschland. Lewandowski untersucht aber nicht nur die Videos selbst, sondern führt auch Interviews mit den Protagonisten. Dabei will er herausfinden, welche sexuellen Gewohnheiten bei den Deutschen vorherrschen.

Um möglichst viele Beispiele für seine Studie zu finden, hat der Wissenschaftler keinerlei Berührungsängste gezeigt. Auf schwarzen Brettern, auf Datingplattformen und in Sexshops finden sich seine Anzeigen zur Teilnahme an seiner Untersuchung der mitgefilmten Sexualität. Auch weiterhin bittet Lewandowski um Zusendung von Tapes, wenn die gefilmten Teilnehmer für Interviews bereit sind.

Das Magazin VICE traf sich mit dem Wissenschaftler, um mehr über die Arbeit zu erfahren.

VICE: Warum interessieren Sie sich so für Amateurpornos?

Sven Lewandowski: Private Sexualität zu erforschen, ist nicht leicht. Man kann sich ja schlecht bei Leuten ins Schlafzimmer setzen. Die selbstgedrehten Sexvideos sind für uns ein Zugang. Fragt man Menschen, was sie beim Sex genau machen, können sie einem fast nichts dazu sagen. Es lässt sich nur sehr schwer in Wort fassen, was der eigene Körper beim Sex genau macht. Das ist ein grundlegendes Problem. Die Sexualforschung weiß eigentlich nichts über sexuelle Interaktion.

Amateurpornos sind deshalb ein guter Zugang, weil sie nicht für Soziologen produziert wurden. Sie bilden die Realität ab und zeigen Sexualität im privaten Umfeld. Es bringt ja nichts, wenn man Leute in sein Labor setzt und sagt: Jetzt habt mal Sex.

Und was wollen Sie so herausfinden?

Die Frage ist: Wie funktioniert Sexualität und wie funktioniert Amateurpornografie? Wichtig ist, dass die Leute auch ohne Kamera Sex miteinander haben. Ich glaube, dass Leute Sexualität genauso verinnerlichen wie jede körperliche Praxis. Beim Fußballspielen hat jeder einen gewissen Stil, mit dem Ball umzugehen. Den wird man auch nicht los. Beim Sex ist das, glaube ich, ähnlich. Zumindest dann, wenn die Paare aufeinander abgestimmt sind. Selbst wenn sie etwas vorspielen wollen, zeigt sich in den Videos letztlich doch ihre übliche Sexualität. Menschen sind im Alltag meist keine guten Schauspieler.

Mich interessieren Leute, die Sexvideos wirklich privat drehen, und nicht, um damit Geld zu verdienen oder eine Pornokarriere zu starten. Jeder hat schonmal Pornos geguckt und weiß, wie das aussehen soll. Trotzdem kann man seine Sexualität genauso wenig verstellen wie seine Handschrift. Es geht nicht darum, was Pornografie mit den Menschen macht, sondern darum, wie Menschen Pornografie machen.

Wie viele Menschen haben Sie bisher zu ihren Sexvideos befragt?

Eine Handvoll. Wenn man genau arbeitet, geht das teilweise sehr langsam voran. Unser längstes Interview ging sechs Stunden. Am liebsten sprechen wir mit Paaren, aber auch mit Einzelpersonen. Die Voraussetzung ist, dass alle abgebildeten Personen zugestimmt haben und erwachsen sind. Wir wollen keine Videos, die Sex mit der Ex-Freundin zeigen, ohne dass sie davon weiß. Außerdem schließen wir Masturbationsvideos von Einzelpersonen aus, da es in der Studie um sexuelle Interaktion geht – dazu gehören mindesten zwei Personen. Uns ist allerdings völlig egal, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Das können Affären, Dauer-Freundschaften, langjährige Beziehungen oder Sexkontakte sein.

Was sind das für Leute, die Amateurpornos drehen?

Ganz normale Leute. Man würde sie auf der Straße nicht erkennen. Es ist ja heute auch nicht mehr ganz so außergewöhnlich, sein Privatleben öffentlich zu machen. Das sind aber nicht alles junge Leute. Wir haben auch einen Mann, der sich schon seit 40 Jahren beim Sex filmt. Er ist einfach sehr filmaffin.

Sind das alles Exhibitionisten?

Nein. Zumindest nicht im klinischen Sinne.

Warum drehen Leute überhaupt privat Pornos?

Die Motive sind unheimlich vielfältig. Manche drehen Pornos ähnlich wie Urlaubsvideos – zur Selbstdokumentation. Es gibt natürlich auch Leute, die es erregend finden, sich zu filmen und das Video nachher anzuschauen – oder damit es andere Leute später sehen. Andere filmen sich, um die Clips auf Sex-Kontaktbörsen oder Dating-Plattformen zu benutzen. Oder als Erinnerung. Manche Leute haben es auch einfach gemacht, weil gerade eine Kamera rumlag.

Wir haben einen Fall, in dem die andere beteiligte Person einfach eine Kamera auspackt und fragt, ob das OK sei. Da entstand ein Überraschungseffekt. Der Mann hatte schon als Jugendlicher den Wunsch, beim Sex gefilmt zu werden und die Fantasie, Pornostar zu sein. In einem anderen Fall hat ein Mann beim Sex mit seiner Freundin einfach mit dem Handy gefilmt, ohne dass sie das bemerkt hat. Das fand sie im Nachhinein aber relativ lustig. Sie war es auch, die das Video geschickt hat. Ohne ihre Zustimmung hätten wir das Video nicht akzeptiert!

Glück gehabt. Amateurpornos sind nicht wirklich neu. Haben sich die Beweggründe dahinter verändert?

Sie haben sich mit Sicherheit etwas verschoben. Die meisten Menschen haben immer eine Kamera in der Nähe und können spontan filmen. Wenn ich in die Mensa gehe, fotografieren Menschen ihr Essen und posten es. Wenn Leute ihr Essen und ihre Kinder posten, wieso dann nicht auch ihre Sexualität? Ich finde das nicht ungewöhnlich. Es ist so normal geworden, anderen einen relativ großen Teil des Lebens zugänglich zu machen, da finde ich es nicht sonderlich überraschend, dass das bei der eigenen Sexualität ähnlich ist.

Dabei ist es durch das Internet ja viel gefährlicher, heutzutage Amateurpornos zu drehen.

Wieso?

Weil die Gefahr, dass sie verbreitet werden, größer ist.

Die Frage ist, ob die Leute das als Gefahr sehen. Was kann passieren? Jemand anderes kann das Video sehen. Ein Interviewpartner hatte sein Video auf einer Datingplattform hochgeladen. Er sagte sinngemäß: „Wer das Video sieht, war immerhin auf der Datingplattform. Und damit hätte er dann ja auch was zu verbergen.“

Es ist aber nicht jedes Sexvideo für eine Veröffentlichung gedacht. Was, wenn es ohne Einverständnis auf Instagram oder Snapchat landet?

Ja. Das kann passieren. Und es ist dann gegebenenfalls eine Straftat, da man nicht einfach Bilder anderer Leute veröffentlichen darf. Zumindest nicht ohne ihre Zustimmung. Aus soziologischer Sicht ist die Frage aber nicht, ob es gefährlich ist, Sexvideos zu drehen. Sondern: Wer sieht es als gefährlich an? Und da scheint es genug Leute zu geben, die es nicht als gefährlich ansehen. Leute gehen mit diesem Risiko unterschiedlich um.

Sie wollen anhand der Videos die Alltagssexualität von Otto-Normalverbrauchern analysieren. Sind Amateurpornos überhaupt repräsentativ?

Ja, da die Leute die Kamera relativ schnell vergessen. Besonders dann, wenn sie im heimischen Umfeld sind und das machen, was sie ohnehin machen. Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass die Leute versuchen, sich etwas spektakulärer darzustellen, als sie im Alltag sind – besonders dann, wenn das Video zur Veröffentlichung gedacht ist. Aber man sieht ganz gut, wann die Leute schauspielern und wann nicht.

Das vollständige Interview finden Sie hier.

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