Instagram benachteiligt Frauen

free the nipple

Instagrams strenge, aber weitgehend undurchsichtige Regeln gegen erotische Inhalte sind für viele Darstellerinnen in der Erotik- und Pornobranche ein großes Problem. Über Jahre entwickelte Accounts werden gesperrt oder verlieren an Sichtbarkeit. Das kostet vielen Mitgliedern der Community bares Geld und Zukunftschancen. Am meisten betroffen: Frauen, deren oft sehr freizügig zur Schau gestellte Haut der Social Media Gigant ansonsten sehr viel zu verdanken hat.

Seit Anfang des Jahres sind die Schockwellen der in den USA zunehmenden Zensurbestrebungen gegen erotische und pornografische Inhalte in den sozialen Medien und bei den großen Internetplattformen zu spüren. Insbesondere das einstmals vielfach von Pornodarstellerinnen und Erotikmodels genutzte Instagram machte es mit willkürlichen Accountschließungen und sogenannten Shadowbans für viele Darstellerinnen schwer, weiterhin ihre mühsam aufgebaute Followerschaft zu erreichen. Nun wehren sich viele mit einem einfachen Trick, der die simplen Vorurteile der Facebook-Tochter Instagram entlarvt: Sie wechseln in den Profilangaben ihr Geschlecht von weiblich zu männlich.

Im April begann Instagram gegen Accounts vorzugehen, die »unangebrachte« Inhalte veröffentlichen. Was genau das Unternehmen unter diesem schwammigen Begriff verstand, ließen die AGBs leider offen: eine schwierige Situation für Erotikstars und Pornodarsteller in aller Welt, die jahrelang auf die bildaffine und schickere Facebook-Schwester gesetzt haben, um ihre Fans zu erreichen.

Im Ergebnis sind nun vor allem Frauen von der neuen Richtlinie betroffen. Weibliche Erotikmodels und Sexarbeiterinnen können anders als Männer weitaus weniger Haut zeigen, schließlich wird der weibliche Nippel – teils sogar in der Andeutung – zensiert, der männliche hingegen nicht. Eine harsche Einschränkung, die bei kleinsten Fehlern oder Überschreitungen der unklaren Regeln Sichtbarkeit und somit Aufmerksamkeit und letztlich Einkommen kosten.

Unter den betroffenen Mitgliedern der Community hat sich daher ein simpler Trick verbreitet, der vorführt, wie beschränkt und diskriminierend Instagram bei der Durchsetzung seiner neuen Policy vorgeht, denn offenbar werden die Accounts von weiblichen Influencern weitaus häufiger vom Algorithmus als problematisch eingestuft, was zu einer grundsätzlich häufigeren Durchführung von Shadowbans und Accountsperren führen dürfte. Hilfreich scheint es zu sein, bei den Einstellungen einen Geschlechterwechsel durchzuführen. Männliche Profile werden weitaus seltener mit einem Shadow-Ban belegt und bleiben sichtbarer.

Besonders betroffen sind Sexarbeiterinnen und Models, die keinen Star-Status haben, also auch Stripperinnen und Anfängerinnen im Erotikgewerbe. Häufig wissen die Account-Inhaber bei Instagram gar nicht, dass sie von einem Shadowban betroffen sind. Sie bemerken lediglich, dass ihre Likes und die Interaktion mit ihren Posts von Nutzerseiten zurückgeht. Nicht selten stehen sie ratlos vor dem Problem und suchen den Fehler bei sich selbst.

Dass man den Shadowban mit einer einfachen Änderung von weiblich zu männlich umgehen kann, zeigt, wie diskriminierend und einfältig das einflussreiche Unternehmen vorgeht.

Eine Stripperin berichtete, dass ihre Sichtbarkeit sofort wieder zu alten Werten zurückkehrte, als sie ihren Account auf »männlich« umstellte. »Viele in der Pole Dancing Community sind von Instagram abhängig. Wir nutzen Instagram, um Trainings-Videos zu verbreiten, mit neuen Leuten in Verbindung zu treten und unser Geschäft wachsen zu lassen. Es ist lächerlich, dass wir auf solche Mittel zurückgreifen müssen.«

Neben der absurden Prüderie und Scheinheiligkeit bleibt es ein grundsätzliches Problem, wie sexuell aufgeladene Inhalte erkannt und bewertet werden sollen. Schließlich arbeitet auch jede Fitness- und Literatur-Influencerin mit ihrem Sexappeal. Was ist erotisch? Und ist erotisch immer »unangemessen«? Für ein Unternehmen, das keinerlei eigene Inhalte bietet und seinen ganzen Markenwert aus der Arbeit anderer bezieht und zugleich quasi marktbeherrschend ist, ist es eine unfassbare Frechheit, willkürliche Maßstäbe anzusetzen, die keinerlei Verlässlichkeit bieten.

Symptomatisch ist die Anwort Instagrams auf die Anfrage eines Huffpost-Reporters, welche Inhalte denn als »sexuell suggestiv« zu verstehen sind. Die Antwort blieb nämlich aus. Stattdessen behauptet Facebook, dass der Algorithmus weder bei FB noch bei Instagram Geschlechtszugehörigkeit bei der Einstufung von Shadowbans berücksichtigt.

Der namenlos bleibende Facebook-Sprecher behauptet: »Profilinformationen zum Geschlecht haben keinerlei Einfluss auf die Inhalte, die wir aus den Hashtags oder für die Explore-Seite herausfiltern. Wir wollen sicherstellen, dass die Inhalte, die wir den Menschen auf Instagram empfehlen sicher und für jeden angemessen sind. Sicherzustellen, dass Frauen sich gehört fühlen, ist ein essenzieller Bestandteil dieser Anstrengung.«

Blanker Hohn für betroffene Sexarbeiter und Erotikmodels, die den Zugang zu ihrer Followerschaft und damit Einkommen verloren haben. Es bleibt außerdem fragwürdig, inwiefern den Aussagen eines Unternehmens zu trauen ist, dass Nutzerdaten im großen Stil an Werbepartner verkauft hat, das Ausmaß wissentlich verschwieg und die Demokratien in mehreren westlichen Ländern in Krisen gestürzt hat.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here