Snap! – Erstes Festival zur Sexarbeit in Paris

Paris veranstaltet mit Snap! sein erstes Festival zur Sexarbeit. Vom 2. bis zum 4. November sind zahlreiche Veranstaltungen, Gespräche, Vorführungen und Ausstellungen dem Thema gewidmet. Sexarbeiter aus Prostitution und Pornografie, aber auch aus dem Webcam, Liveshow und BDSM-Bereich üben den Schulterschluss und organisieren ein fröhliches Fest zur Information und Sichtbarmachung ihres Berufs. In einem Land, in dem zahlreiche Gesetze gegen eine normalisierende Entfaltung der Sexarbeit gerichtet sind, ist ein solches Festival von besonderer Bedeutung. Umso mehr, da der Hauch der politischen Reaktion über den Globus zu wehen scheint.

Das Snap! Festival hat am Freitag in Paris begonnen. Ziel der Veranstaltung ist es vor allem, Sexarbeitern und ihren an den Rand der Gesellschaft verdrängten Problemen in Frankreich wieder Gehör zu verschaffen. Das Festival soll auch über die Folgen eines Gesetzes aufmerksam machen, die Sexarbeitern das Leben erschweren und die selbstbestimmte, freie Ausübung des Berufs aber auch von Sexualität an sich behindern.

Snap Festival zur Sexarbeit Paris
Festival zur Sexarbeit

Die vor zwei Jahren in Frankreich beschlossene Verabschiedung des Gesetzes zur Bestrafung der Kunden von Sexarbeitern gehört zu einer der umstrittensten Ideen, um Prostitution einzudämmen. Unter dem Vorwand des Schutzes der Sexarbeiter werden die Kunden kriminalisiert, was zwangsläufig zu verdunkelten Geschäftspraktiken und somit das Potenzial von Verschleierungskriminalität und Gewalt birgt.

Das eigentliche Ziel ist bei solchen Ansätzen eben nicht der Schutz der Sexarbeiter, sondern die Behinderung ihrer Arbeit und die Eindämmung und sukzessive Bekämpfung von Prostitution.

Bereits am am 14. April war es zu einer Demonstration von französischen Sexarbeitern gekommen, ein erster Versuch der Sexarbeiter sich Verhör zu verschaffen. Nun wird mit dem Snap!-Festival nachgelegt. Zwischen dem 2. und 4. November finden sich Veranstaltungen, Filmvorführungen, Infoveranstaltungen und Ausstellungen zu BDSM, Prostitution, Sexcam-Arbeit und Pornografie. Dabei wird Prostitution von den Veranstaltern ganz selbstverständlich in den größeren Rahmen der Sexarbeit eingeordnet und somit die Frage aufgeworfen, was diese Form der Sexarbeit so besonders machen soll.

Das Festival findet wenige Monate nach der Ermordung einer Transgender-Prostituierten statt, die bei dem Versuch, einen ihrer Kunden vor Dieben zu schützen, getötet wurde. Der Fall wurde von Sexarbeitern und ihren Interessenverbänden als Symbol dafür verstanden, wie sich die Gesetze gegen die Kunden von Sexarbeitern auch gegen die Sexarbeiter selbst richten und diese in Gefahr bringen.

Die Wirkweise des Gesetzes ist vielfältig. Durch die Kriminalisierung von Freiern, die mit einer Geldstrafe von 1.500 Euro rechnen müssen, wenn sie die Dienste von Sexarbeitern in Anspruch nehmen, wurde in der Tat ein Rückgang der Kundenzahl erreicht. Allerdings bedeutet das für viele Sexarbeiter, dass sie durch die geringe Nachfrage in Schwierigkeit geraten.

Untersuchungen der Soziologen Calogero Giametta und Hélène Le Bail zeigen, dass die Gesetzgebung zu einer »Zunahme prekärer Lebensverhältnisse« unter Sexarbeitern geführt hat. Außerdem komme es zu negative Folgen für »die körperliche und geistige Gesundheit von Sexarbeitern … weil sie manchmal Praktiken akzeptieren müssen, die sie nicht anbieten würden, wenn sie genügend Kunden hätten.« Darüber hinaus, so Giametta im Interview mit der Zeitung Le Monde, führe das Gesetz zu einer weiteren Stigmatisierung der Sexarbeit und somit zu gesellschaftlicher Benachteiligung. Mit anderen Worten: Sexarbeiter werden systematisch diskriminiert.

Dies zeigt sich auch auf kommunaler Ebene überall in Frankreich. Giamatta sagt: »Viele Bürgermeister sorgen für Satzungen, die sich gegen Sexarbeit richten, alles unter dem Deckmantel der Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe. Sie fordern die Polizei auf, Identitätskontrollen von Menschen mit Migrationshintergrund zu verstärken.«

Somit zeigt sich erneut, dass Einschränkungen der Freiheit und Angriffe auf Minderheiten jeder Art immer eine weitreichende Gesamtwirkung haben und in keinem Bereich akzeptiert werden sollten. Nichts anderes will das Festival und das Zusammenrücken aller Sexarbeiter zum Ausdruck bringen.

In dieser Hinsicht ist Snap! auch für Daniel Hellmann wichtig. Er ist Sexarbeiter aus der Schweiz und stellt während des Festivals seine Arbeit vor. »Durch Begegnungen mit uns können Vorurteile aufgebrochen werden. Durch die Gespräche erkennen die Menschen, dass der Unterschied zwischen uns nicht so groß ist. Es gibt Tausende von Gründen, warum Menschen Sex haben können: zum Vergnügen, aus wirtschaftlichen Überlegungen, in der Ehe usw.«

Neben den vielen Gesprächen und Informationen soll das Festival aber auch den künstlerischen und unterhaltenden Aspekt von Sexarbeit unterstreichen. So sagt Luca Stevenson: »Unsere Community nutzt seit langem Filme, Musik und Shows, um der Öffentlichkeit Einblicke in unseren Beruf zu ermöglichen. Dieses Festival aber gibt uns die Möglichkeit, alles diese Werke im Zusammenhang zu präsentieren und uns zu feiern, was unsere Community stärkt.«

Bei mehreren Veranstaltungen sollen aber auch die globalen Entwicklungen angesprochen werden. Durch die Erstarkung konservativer, restriktiver und teils sogar offen faschistischer Kräfte in vielen westlichen Nationen geraten die Errungenschaften der freien Gesellschaften in Bezug auf Sex und Selbstbestimmung in allen Bereichen in Gefahr. Mit Brasilien hat nach den USA ein zweiter seinen Kontinent mit dominierender Staat den Weg Richtung Faschismus und gegen Freiheit und Minderheitenrechte eingeschlagen. Der neue gewählte Präsident, Jair Bolsonaro, wird mit Gewalt gegen seine Gegner vorgehen. Beobachter gehen davon aus, dass unter dem Deckmantel der Korruptions- und Verbrechensbekämpfung zahlreiche Bürgerrechte und Freiheiten eingeschränkt oder abgeschafft werden.

Der Schulterschluss der Sexarbeiter in Frankreich sollte daher als Startschuss zu einem globalen Bewusstsein verstanden werden, dass nicht nur diese Branche, sondern die DNA unseres Zusammenlebens in Gefahr geraten ist.

Das Veranstaltungsprogramm des Festivals in Paris finden Sie hier.

 

 

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