Nach Sexverbot: Tumblrs Traffic stürzt ab

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Nachdem der kleinste unter den Social Media Riesen im Dezember ein komplettes Verbot von Pornografie und Nacktheit für seine Plattform verhangen hat, ist der Traffic auf der Seite um nahezu ein Drittel eingebrochen. Hat sich der Dienst in die Bedeutungslosigkeit zensiert?

Die einst besonders liberale Social-Media-Plattform Tumblr spürt die Auswirkungen des selbst verhängten Porno-Banns, der plattformübergreifend seit Mitte Dezember gilt. Seitdem wurden zahllose Accounts, die teilweise über viele Jahre lang aufgebaut worden sind, einfach gesperrt. XXX-Inhalte jedweder Art werden für die Nutzer nach relativ unklarem Muster gelöscht.

Tumblr versuchte mit dem Manöver seiner Löschung aus dem App-Store des pornofeindlichen Konglomerats Apple zu entgehen. Dabei wurde allerdings vor allem die Abhängigkeit des einst strahlend gestarteten Social Media Unternehmens von den eigentlichen Marktführern deutlich. Offenbar müssen sich auch große Unternehmen dem Druck von Apple und Google fügen, die über iTunes und den Playstore den Zugang zum App-Markt als Duopol vollkommen kontrollieren. Auch eine halbe Milliarde Seitenzugriffe sind für die beiden zum Politikum gewordenen Tech-Giganten austauschbare Spielmasse.

Tumblr-Nutzerzahlen im freien Fall

Wie schädlich solche wettbewerbsverzerrenden Gatekeeper-Konzerne wirken, kann man an Tumblr nun bilderbuchmäßig nachvollziehen. Im Januar verlor die Firma 20% des bisherigen Traffics, im Februar ging die Spirale weiter. Inzwischen ist der Einbruch der Nutzungszahlen bei über 30%. Für ein Unternehmen, das ohnehin um seine Relevanz kämpft, dürfte dies ein existenzgefährdender Rückgang sein.

Tumblrs CEO Jeff D’Onofrio versucht zu retten, was zu retten ist: »Tumblr ist weiterhin ein Ort, um sich frei über Kunst, Sexpositivität, Beziehungen, Sexualität und den eigenen Lebensweg auszutauschen. Wir wollen sicherstellen, dass wir diese Art von Meinungsvielfalt weiter bewahren.« So schreibt er. Für viele vertriebene Account-Besitzer und ehemalige Besucher der Seite dürfte das wie kalter Hohn klingen.

Die Nutzer wenden sich ab und suchen nach Alternativen, die Inhalteproduzenten und Accountinhaber sind verärgert und schauen sich ebenfalls nach anderen Möglichkeiten um, verlässlich Followerschaften aufzubauen und diese erreichen zu können. Zwar bilden sich Alternativ-Plattformen wie Plinner, doch sind diese in den jeweiligen Erotikblasen gefangen. Ob sich Sexualität, Erotik, Sexpositivität und Pornografie wirklich erneut ins gesellschaftliche Abseits verbannen lassen wollen, ist eine Grundsatzentscheidung, über die die ganze Branche nachdenken sollte.

Abhängigkeit von US-Politik macht Social Media Unternehmen unsicher

Der Vorgang zeigt auch, wie wenig Kontrolle ein Accountinhaber in den sozialen Medien über seine Inhalte und Follower/Fans/Abonnenten hat. Gefällt einem der Plattformbetreiber der Inhalt nicht mehr, kann er einfach gelöscht werden. Jahrelange Arbeit, Marketingaufwand und für das Portal gratis zur Verfügung gestellte Inhalte gehen von einem zum anderen Tag verloren. Ein grundsätzliches Problem, das alle großen Social-Media-Plattformen betrifft. Zumal alle relevanten ihren Hauptsitz in den USA haben und somit den unvorhersehbaren Launen der US-Politik ausgesetzt sind.

Einmal mehr wird deutlich, dass es dringend europäische Alternativen zu den großen Playern im Markt braucht. China und Russland haben das längst verstanden und eigene Portale im Markt etabliert.

Für Tumblr ist es vermutlich zu spät. Die Chance für eine klare Positionierung wurde verschenkt, das Alleinstellungsmerkmal ist verloren. Dennoch haben sich einige Nutzer zusammengeschlossen und eine Petition gestartet, die Tumblr bewegen soll, sein Verbot für XXX-Inhalte rückgängig zu machen. Vielleicht sollte das Unternehmen die Flucht nach Vorn versuchen und auf seine Nutzer hören. Bereits 600.000 Menschen haben unterschrieben.

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