Im Netz der nackten Tatsachen

Gucken nur Männer Pornos? Wer sind die Porno-Weltmeister? Macht Pornografie blöd? Bedroht der virtuelle Sex die Jugend? Führt exzessiver Porno-Konsum zur Verrohung? Fragen und Antworten zum einem immer aktuellen und kontrovers diskutierten Thema.

Stuttgart – „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“, ist der Titel einer Filmsatire von US-Regisseur Woody Allenaus dem Jahr 1972. In acht Episoden werden so existenzielle Lebensfragen wie die Wirkung von Aphrodisiaka beim Sex, der Kick bei Sodomie, Homosexualität von Transvestiten oder das Geheimnis des weiblichen Orgamsus thematisiert.

Wer heute was über Sex wissen will, geht ins Internet. Ein Klick – und schon ist man im Netz der nackten Tatsachen, von denen niemand spricht und die doch die meisten (Männer) aus eigener Anschauung lustvoll kennen.

Exorbitantes Geschäft mit Pornos

Das feucht-fröhliche Gewimmel von Leibern, das endlose Gestöhne, die obzessive Auswahl an aufwühlenden Bildern – all das macht vor allem Männer an wie sonst nichts auf der Welt. Mit Ausnahme vielleicht von Fußball.

Die Daten und Zahlen, die hier aufgelistet werden, sprechen für sich. Pornografieim Netz ist eine Multi-Milliarden-Industrie. Nach Schätzungen von Marktforschern belaufen sich die Umsätze mit Internet-Pornos allein in Deutschland auf jährlich über 4,5 Milliarden Euro. In den USA sind es elf und weltweit bis zu 100 Milliarden Euro.

Das Geschäft lohnt sich exorbitant. Nach Angaben des britischen Marktforschungsunternehmens SimiliarWeb hat „XVideos“ (Betreiber: WGCZ Holding in Prag) als die Nummer eins im Sex-Netz rund 640 Millionen Besucher pro Monat. Auf Platz zwei und drei liegen die MindGeek-Ableger „xhamster“ (533 Millionen) und „Pornhub“ (458 Millionen). Zu MindGeek, dem größten Porno-Konzern der Welt, gehören mehr als 30 Web-2.0-Sites wie „Youporn“, „Pornhub“, „Redtube“, „xhamster“, „Brazzers“, „Reality Kings“ und „MyDirtyhobby“. Branchenkennern zufolge macht MindGeek mehrere 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

„Appetit-Filmchen“ sollen Lust auf mehr machen

Das Verkaufsprinzip der Porno-Macher ist so simpel wie erfolgreich: Kostenlose „Appetit-Filmchen“ in oft mieser Bildqualität sollen Nutzerauf den Geschmack bringen und Lust auf mehr wecken, so dass sie einen Vertrag für Premium-Angebote abschließen. Für den erhalten die Website-Betreiber eine Prämie. Da allerdings mehr als 90 Prozent der Clips und Filme im Netz gratis zugänglich sind und der Umsatz deswegen in den vergangenen Jahren stark rückläufig ist, ist die Branche vor allem auf Werbeeinnahmen angewiesen.

Porno-Konsum ist global

Porno-Konsum ist ein globales Phänomen, das weder vor Ethnie, Geschlecht oder Religion Halt macht. 70 Prozent der Männer und ein Drittel der Frauen besuchen regelmäßig Websites mit pornografischen Anschauungsmaterial. Der US-Internetseite OnlineMBA zufolge schauen sich mit Vorliebe gläubige Menschen Pornos an.

In den USA, dem Porno-Land Nummer eins, wird nirgendwo so viel Schmuddel heimlich angeguckt wie im erzkonservativen Utah. Ungeachtet der virtuellen Vorlieben der dort mehrheitlich lebenden Mormonen hat der US-Bundestaat im April 2016 Pornografie zu einer „Epidemie“ und Gesundheitsheitskriese“ erklärt. Sie fördere potenziell Gewalt gegen Frauen, zerstöre Familien und verwirre Kinder. „Pornografie ist keine Sexualkunde“, sagt der republikanische Senator Todd Weiler. „Kein Junge oder Mädchen muss sich solche Bilder ansehen.“

Porno ist ein Mittel zum Vergessen, zum Trösten, zum Ablenken“

Christen sind vor dem sündigen Treiben im Netzgenausowenig gefeit wie andere Glaubensanhänger. US-Studien zufolge liegt der Anteil der männlichen Christen in den USA, die sich täglich Pornografisches anschauen, mit sieben Prozent mehr als doppelt so hoch wie der von Nichtchristen (drei Prozent). „Der Porno hat eine Funktion“, erklärt der Sexualpädagoge Nikolas Franke vom evangelischen Glaubenszentrum Bad Gandersheim. „Porno ist ein Mittel zum Vergessen, zum Trösten, zum Ablenken.“

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