Interviews mit Pornostars #02: Angela White

angela white

Die Australierin Angela White hat einen Masterabschluss, und ihr Abschlussarbeit ist soeben veröffentlicht worden. Allerdings hat sie ihre Ziele weitaus höher gesteckt.

Pornodarsteller werden wie die meisten Sexarbeiter von der Gesellschaft nicht sonderlich respektiert. Und obwohl die Öffentlichkeit dank erhöhter Medienpräsenz die Pornobrache heute besser kennt als je zuvor, wird sie immer noch auf Klischees reduziert. Weibliche Pornodarstellerinnen werden nach wie vor entweder als die ultimativ sexpositive, selbstbestimmte Frau oder als hilfloses Opfer identifiziert. Kann man sich diesen Etiketten entziehen?

Die australische Pornodarstellerin Angela White arbeitet daran, Nuancen im sexuellen Ausdruck von Frauen zu finden, ohne Etiketten zum Opfer zu fallen. Die 32-Jährige plädiert für einen neuen Typus: einer akademischen Freiheitskämpferin, die das Patriarchat versteht und sich deshalb weigert, zu behaupten, sie sei hundertprozentig gleichberechtigt und selbstbestimmt, die sich aber auch nicht als Opfer sehen will.

Weiß lässt sich nicht in irgendein Klischee drücken. Sie wechselt selbstbewusst zwischen der Arbeit vor und hinter der Kamera, tritt in Szenen auf und leitet ihre eigene Firma mit einem zupackenden Ansatz. Sie führt Regie und schneidet ihre eigenen Filme, betreibt ihre eigene Website und hat die DVD-Distribution für ihre Filme verhandelt.

Es waren ihre Erfahrungen in der Welt der Pornografie, die White dazu bewogen, sich an der University of Melbourne einzuschreiben, wo sie ihr Studium mit Auszeichnung abschloss und einen Masterabschluss erwarb.

Ihre akademischen Studien legen den Grundstein für eine ehrliche Diskussion darüber, wie Pornodarsteller von ihrer Arbeit beeinflusst werden. Whites Diplomarbeit »The Porn Performer: The Radical Potential of Pleasure in Pornography« wurde kürzlich im renommierten Routledge Companion to Media, Sex and Sexuality veröffentlicht. Darin schreibt sie: »Die konsequente Fokussierung auf die weibliche Performerin als Opfer oder Handelnde prägt nicht nur die Darstellungsweise der Performer, sie behindert auch weiterhin die Erforschung anderer Aspekte der Pornografie, der Pornodarsteller und ihres Lebens.«

In einem Interview mit The Daily Beast erzählt White, was sie zur Arbeit in der Pornobranche bewegt hat, und warum sie sich mit ihrem akademischen Ansatz gegen jedwede Labels wehrt.

Was hat Dich dazu bewogen, in der Pornobranche zu arbeiten?

Das war in dem Jahr, als ich meine Jungfräulichkeit verlor. Ich war 14 und hatte damit begonnen, meine Sexualität zu erforschen – da habe ich mich zum ersten Mal dazu entschlossen, dass ich Pornos machen möchte. Als ich in der High School war, wurde ich für meine Sexualität kritisiert. Ich hatte mich bis dahin als bisexuell identifiziert, habe aber von diesen Kategorien Abstand genommen. Ich hatte schon früh Sex mit Männern und Frauen, und wenn ich Sex mit Jungen hatte, sah man mich als Schlampe an, und wenn ich Sex mit Mädchen hatte, nannte man mich eine Lesbe. Ganz egal, was ich tat, ich wurde für meine Sexualität kritisiert.

Highschool kann eine harte Erfahrung sein. Gab es Augenblicke, in denen die Kritik Dich besonders beeinflusst hat?

Man erniedrigte mich. Man zog mich auf. Man hat Zitronen nach mir geworfen. In Australien ist Zitrone umgangssprachlich für Lesbe. Ich stand also auf dem Spielplatz meiner Highschool und wurde mit Zitronen beworfen. Es war physische Gewalt – dazu kam auch verbale Gewalt, die mir vorwarf, mich aus den normalen Bereichen weiblicher Sexualität herauszubewegen.

Wann hast Du Pornografie als echte Option wahrgenommen?

Ich habe Pornografie durch einen Freund kennengelernt, und ich sah endlich einen Raum, in dem Sex mit mehreren Menschen unterschiedlichen Geschlechts tatsächlich ermutigt und gefeiert wurde, statt dass man es kritisierte. Es wirkte wie eine Utopie auf mich: es wirkte wie eine sichere Welt. Als ich 14 wurde, entschied ich mich dazu, in die Pornobranche zu gehen. Ich wartete also, bis ich 18 wurde und habe dann einen meiner ersten Drehs gemacht, während ich noch an der High School war.

Wie war dieser erste Dreh in Australien?

Ich war noch an der High School, und mein erster Dreh war in Miami, Florida. Ich war gerade 18 geworden und wurde für meinen ersten Dreh, eine Soloszene, einmal um die Welt geflogen. Ich machte das und fühlte mich wirklich gut in meiner Sexualität, etwas, das ich vorher nicht gefühlt habe. Nachdem ich in der High School so gehänselt wurde. Und das war ermutigend.

Es braucht einen gewissen Mut, sich vor der Kamera auszuziehen. Warst Du damals schon selbstbewusst mit Deinem Körper?

Ich bin eine kurvige Frau, und zu jener Zeit habe ich meinen Körpertyp nicht in den Mainstreammedien gesehen. Ich habe große, natürliche Brüste, und wie man sich vorstellen kann, hängen natürliche Brüste. Die sitzen nicht super hoch wie vergrößerte oder kleine Brüste – als jemand also, der in der High School sehr offen mit seiner Sexualität war und wollte, dass die Menschen meine Brüste anschauen, der dann aber keine Vorbilder mit Brüsten wie meinen fand, da gab es schon Momente, an denen ich Schwierigkeiten mit meinem Selbstbewusstsein hatte. In der kapitalistischen Wirtschaft etwas wert zu sein – hey, Dein Körper ist schön, und wir zahlen Dich dafür – mir wurde Wert beigemessen als sexuelles Wesen, und meine sexuellen Wünsche wurden akzeptiert, statt dass man sie kritisiert hat.

Wie hast Du vom Dasein als Darsteller zu dem Punkt gewechselt, an dem Du Dein eigenes Unternehmen leitest?

Das wurde mir insofern aufgezwungen, als dass die Unternehmen, mit denen ich arbeitete, mich ihre Version von Sexualität drehen ließen, und ich hatte meine eigene Vorstellung davon, was ich erkunden wollte, und wie ich das ausdrücken wollte. Bis zu einem gewissen Grad konnte ich meine Sexualität ausdrücken, aber schlussendlich war ich daran gebunden, so zu arbeiten, wie die das von mir wollten und sich für das jeweilige Produkt vorstellten. Mir wurde klar, dass, wenn ich meine eigenen Fantasien zum Leben erwecken wollte, dass ich das selbst tun musste. Da habe ich mich entschieden, meine eigene Firma zu gründen.

Nur wenige Darsteller, die Regie führen, editieren ihre Filme auch. Warum hast Du Dich dazu entschieden, das auch noch zu tun?

Zu Beginn hatte ich jemanden, der das für mich gemacht hat, aber ich bin ein Mikromanager und niemand mag es, wenn er einen Mikromanager vor sich hat. Ich saß neben dem Editor und sagte ihm alle paar Sekunden, was er tun sollte, und dann merkte ich, dass ich dem das nicht länger erklären müsste, wenn ich es selbst machte. Also habe ich mir das Editieren selbst beigebracht. So war das auch bei der Regiearbeit und beim Produzieren: ich hatte meine eigene Vision und wollte die zum Leben bringen. Dieser Wille, etwas zu entdecken, zu erkunden und mich auszudrücken, hat mich dazu geführt, selbst zu produzieren und zu editieren, so dass das endgültige Produkt wirklich einen Teil von mir und meiner Sexualität ausdrückt.

Hast Du Leuten erzählt, dass Du Pornos machst, oder war das ein Geheimnis? 

Ich bin damit offen umgegangen, welche Art Modelarbeit ich mache – und dann kamen schon die Fragen. Es hat mich zurückgeworfen und es ist auch das, was mich an die Uni getrieben hat. Ich habe nicht verstanden, warum mir diese Fragen gestellt wurden. Ich fühlte mich so befreit und selbstbestimmt, und die Leute fragten mich, ob ich mich erniedrigt fühlte. Da habe ich begonnen anti-pornografische Schriften zu lesen und diese Narration kennengelernt, wie Frauen in der Pornobranche misshandelt, vergewaltigt, erniedrigt werden, dass sie nur darin mitwirkten, weil sie von dem Geld oder den Drogen oder von irgendeinem Zuhälter abhängig waren.

Wie hat Dich das an die Uni geführt?

Diese Mythen waren so unterschiedlich von dem, was ich selbst erlebte. Ich wollte Genderforschung betreiben, damit ich weiter über Pornografie, die Anti-Porno-Bewegung und Zensurrecht forschen konnte. Das ist etwas, das mir sehr am Herzen liegt. Ich habe mein Studium abgeschlossen, einen Masterstudiengang. Man muss dafür eine Abschlussarbeit schreiben, und das war der Punkt, an dem ich qualitative Forschung zu Frauen in der Pornografie betrieben habe.

Wie unterscheidet sich Deine Forschung von dem, was es bereits gibt?

Der Großteil der akademischen Arbeit in dem Bereich beschäftigt sich mit Sexarbeitern, bezieht sich aber nie auf ihre Aussagen. Ich glaube da, wo es um die Produktion von Wissen über Sexarbeiter geht, insbesondere bei Pornodarstellern, sind diese Experten über ihre eigenen Leben und sollten gehört und repräsentiert werden – und es sollte nicht nur über sie gesprochen werden. Ich wollte zu dem akademischen Wissen zu diesem Gebiet beitragen, indem ich die Darstellerinnen selbst befragte. So ist meine Arbeit nun wissenschaftlich und performativ: jedes Mal, wenn ich am Set bin, nutze ich die Gelegenheit, um weitere Daten zu dem Thema zu sammeln, das wird alles Teil für eine spätere Studie.

Wie unterscheidet sich Pornografie Deiner Meinung nach von den ständig wiederholten Mythen?

Pornografie kann Darstellern erlauben, sich selbst auszudrücken, ihre sexuelle Identität zu wechseln und auszuprobieren, wie sie sich selbst sehen. Das Problem mit der falschen Dichotomie von Opfer oder Handelnder ist, dass beide Vorstellungen falsch sind. Es ist weitaus nuancierter und facettenreicher. Niemand ist völlig in Kontrolle oder völlig ausgeliefert, und die falschen Dichotomien zwingen Darsteller dazu, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden.

Warum hast Du Dich bei Deiner Studie auf Frauen konzentriert?

Wenn man sich die Mythen über die Pornobranche ansieht, geht es immer um Frauen. Es geht nie darum, dass Männer erniedrigt, misshandelt oder ausgenutzt werden – alle sprechen immer nur über die armen, hilflosen, drogenkranken Frauen, denen niemand hilft. Ich wollte diesem Narrativ von Frauen als Opfern etwas entgegensetzen.

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Was macht Deine Studie einzigartig?

Ich schaue mir nicht an, ob Frauen missbraucht werden oder sich selbst verwirklichen. Ich schaue, wie die Frauen in der Pornografie ihre Sexualität erleben – wie das Mitwirken an Pornografie ihre Sexualität verändert – und ich glaube, dass zu diesem Thema noch mehr geforscht werden muss. Es ist ein so reichhaltiges Thema, und es gibt so viel zu sehen, wenn es um Pornografie geht, und es ist bisher nicht gemacht worden, eben wegen dieser Narrative.

Hat die Idee von Opfer/Handelnder einen Einfluss auf Deine Studie gehabt?

Stigmata können beschränken, wie Darsteller über sich selbst denken, über das, was sie tun und über die Art, wie sie ihre Darstellungen nachdenken. Ich habe sie nie gefragt, ob sie sich ausgebeutet oder missbraucht fühlen; ich habe das nie angeführt, und ich habe nicht mit dieser Dichotomie begonnen. Stattdessen habe ich sie gebeten, über sich selbst zu erzählen, über die Art, wie sie ihre Erfahrungen sehen, die immer von diesen Ideen über wahrgenommene Ausnutzung durchzogen waren. Ohne dass ich gefragt hätte, sagten sie, dass sie sich nicht erniedrigt oder ausgenutzt fühlen, weil dieses Narrativ der Ausbeutung so normalisiert ist, dass sie das Gefühl haben, sofort dagegen anreden zu müssen. Statt dass sie einfach erzählen können, wie ihr Tag war, müssen sie ständig auf dieses Narrativ antworten, und das schränkt die Sprache ein, die benutzt werden kann, wenn man über diese Erlebnisse spricht.

Glaubst Du also, dass diese Vorstellung von Opfer/Handelnder einen Einfluss auf die Darsteller hat?

Sie werden dem ständig ausgesetzt. Und es hat ganz offensichtlich einen psychologischen Effekt. Wenn man ständig gegen seinen eigenen Opferstatus anreden muss, kann man nicht man selbst sein. Stattdessen musst Du Dich und Deine Position in der Welt und Deinen Job ständig verteidigen und rechtfertigen. Du musst rechtfertigen, warum Du etwas magst, statt einfach sagen zu können, was Du tust.

Was hat Pornografie Dir gelehrt? Irgendwelche Überraschungen?

Sie hat mir beigebracht, eine offene Person zu sein – sie hat mich gelehrt, mich für Neues zu öffnen, mehr als ich das ohnehin schon war. Sie hat mich gelehrt, wie viel meine eigene Sexualität wert ist, den Wert von Sexualität im Allgemeinen und auch wie sehr das Konzept eines Darstellers von Sexualität sich verändern kann. Pornografie kann positiv und wegweisend für Darsteller und Zuschauer sein; sie kann wertschätzen und lebensverändernd wirken. Für mich war Pornografie der erste Ort, an dem ich Frauen dafür gefeiert werden sah, dass sie Sex mit mehreren Menschen unterschiedlichen Geschlechts hatten – und das war noch vor den Slutwalks. Das war zu einer Zeit, als es noch nicht cool war, mit Frauen rumzumachen.

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