Mehr als stereotypes Gerammel

Beim 11. Pornfilmfestival präsentierte sich das Genre jenseits des Mainstreams künstlerisch, politisch und ehrlich

Einer der besten Festivalfilme: »Pagan Variations« von Aj Dirtystein Foto: Pornofilmfestival
Einer der besten Festivalfilme: Pagan Variations von Aj Dirtystein Foto: Pornofilmfestival

Es muss nicht immer Mainstream sein. Porno ist auch als politische Kunstform zu sehen, die mehr kann, als Großaufnahmen von den Genitalien weißer Darsteller in einer der wiederkehrenden Standard-Schablonen zu zeigen. Genau das hat das Pornfilmfestival in Berlin am vergangenen Wochenende bereits zum elften Mal unter Beweis gestellt. Mit dem Festivalprogramm zeigte das kleine KuratorInnen-Team aus FilmproduzentInnen und JournalistInnen weiblich-feministische sowie queere Sichtweisen auf Fragen zu Sexualmoral, Identitäten, Körpernormen, Moralvorstellungen in aller Welt und künstlerisch-alternativem Umgang mit dem Genre Pornografie.

Gegründet wurde das Festival von Filmemacher und -produzent Jürgen Brüning. Seit acht Jahren beherbergt Berlins ältestes Kino, das kreuzköllner Moviemento, das Festivalpublikum. Über 100 Kurzfilme sowie Dokumentationen, Performances und Diskussionsrunden boten Einblicke in eine Welt der Pornografie, die mit Mainstream nicht viel zu tun hat. Das Angebot reichte von Gaspar Noés gefühlsintensiven Erotikdrama Love über Gay, Lesbian oder Queer Porn Shorts, künstlerisch inszenierten Do-it-Yourself-Pornos (Four Chambers) bis hin zu eher düsteren Streifen (Dark Circus) oder Science-Fiction-Produktionen für Fahrradsexuelle (Bike Smut).

Eine weitere besondere Facette zeigten die Political Porn Shorts (wobei politischer Porno durchaus mehr ist als politisch korrektes Vor-der-Kamera-Vögeln). Angefangen mit dem sozialen Experiment American Reflexxx, in dem die Performerin Signe Pierce in aufreizender Kleidung und mit Spiegelmaske über eine Partymeile in Myrtle Beach, North Carolina, flaniert. Alli Coates› farbintensiver Film, der auf Youtube bereits über 1,5 Millionen Mal geklickt wurde, zeigt den Spießrutenlauf einer vermeintlichen Transfrau, bei dem ein aufgebrachter Mob die Kontrolle übernimmt. In »My Story« erzählen junge Queers aus Syrien und Libanon ihre bewegenden Geschichten von sexueller Verfolgung, Flucht und der völligen Ausgrenzung durch die eigene Familie und eine intolerante Gesellschaft.

Der »Schulmädchenreport« wiederum – die Älteren werden sich an diesen Teil einer Softsex-Filmreihe aus den 70er Jahren erinnern – wurde von den VeranstalterInnen als antifeministisches Manifest bezeichnet, als Beispiel der »Rape Culture«, in der Mädchen mit der Rechtfertigung »Du willst es doch auch« vergewaltigt werden. Die Schulmädchenreport-Reihe war in den 70er Jahren überaus erfolgreich. »Ein Zeitdokument, das man sehen muss, um es zu glauben«, lautet das Fazit der VeranstalterInnen.

Auch im restlichen Programm sind Politik und Porno eng miteinander verzahnt: Durch aufgebrochene Körper- und Geschlechternormen, durch die Vielfalt der Darsteller, die mal dick, mal dünn, mal jung und mal alt, queer oder People Of Colour sind, aber auch durch die inhaltliche (und oft provokante) Auseinandersetzung mit Rassismus, Sexismus, Sexualität und Identität zeigte das Festival einmal mehr, dass Porno mehr ist als stereotypes Gerammel bei schlechter Beleuchtung. Hier ist Porno künstlerisch, politisch, ehrlich.

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