»Mein Ziel ist es, eine Insel zu kaufen und zu verschwinden«: Stormy Daniels im Interview

Exklusives Interview mit Stormy Daniels at the VENUS erotic Fair in Berlin 2018

Wie Leser von VAN inzwischen wissen, war Stephanie Clifford a.k.a. Stormy Daniels der diesjährige Ehrengast der VENUS Berlin, der größten deutschen Erotikmesse. Ms. Clifford hat ihren ersten Tag auf der VENUS damit verbracht, den aus allen Himmelsrichtungen angereisten Pressevertretern, bewacht von Security, Interviews zu geben. Als temporären Hauptsitz hat sie dafür den zweiten Stock des architektur-historisch interessanten Messegebäudes bezogen. Die lounge-ähnliche Ebene war dieses Jahr für das Publikum geschlossen, und so hatte die umtoste Darstellerin eine kleine Insel für sich allein, fern des Messelärms, allerdings ständig von einfallenden Medienvertretern wie mir gestört. Dort haben wir uns zu einem kurzen Gespräch getroffen.

Stormy Daniels mit bodyguards auf der VENUS in Berlin 2018Stormy Daniels und die Venus scheinen auf gewisse Weise wie eine ideale Verbindung. Die Darstellerin wird wie die Messe von zahlreichen Vorurteilen und festen Meinungen begleitet. Hinter der Bühnenfigur Stormy Daniels aber steht ein Mensch, der diese Figur über viele Jahre hindurch aufgebaut hat: Stephanie Clifford (39). Wenn man sich ihre Interviews anschaut oder ihr neues Buch »Full Disclosure« liest, merkt man rasch, dass sie eine komplexe, intelligente und oftmals schlagfertige Darstellerin ist. Sie ist aber auch eine erfahrene Regisseurin, Autorin und eine Meisterin ihres Fachs, ausgezeichnet mit allen Awards und Preisen, die die Branche bereit hält.

Und so arbeitete sie also bereits seit Jahren als erfolgreiche Regisseurin und Autorin im Pornogeschäft, und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte das noch eine Weile so weiter gehen können. Doch in den letzten drei Jahren wurde sie zu Weltruhm katapultiert, ihr Name erreichte die Welt der Politik ebenso wie die Gespräche im Büro und die Abendnachrichten zahlreicher Haushalte weltweit. Sie geriet in einen Skandal, der den mächtigsten Mann der Welt, den Präsidenten der Vereinigten Staaten als zweiten Protagonisten hat: Donald J. Trump.

Seitdem hat sich ihr Leben völlig verändert. Ja, sie ist berühmter denn je, sie dürfte inzwischen der berühmteste Pornostar der Welt sein. Die Kehrseite aber ist, dass sie dauerhaft auf Personenschutz, Publizisten, Anwälte und auf eine sehr, sehr dicke Haut in der Öffentlichkeit angewiesen ist. Seit mehreren Monaten konnte sie keine Filme mehr drehen, Kameras und Journalisten folgen ihr überall hin, seit sie sich entschieden hat, die Gerüchte über eine Affäre mit Donald J. Trump zu bestätigen und auch die Details zu veröffentlichen, wie Trump und sein Anwalt, Michael Cohen, versucht haben, sie vor der Wahl 2016 mundtot zu machen. Mit Schweigegeld, Drohungen und einer Geheimhaltungsvereinbarung.

Sie wurde zur besten Sendezeit in »60 Minutes« interviewt, trat bei SNL, Stephen Colbert und Jimmy Kimmel auf, sie sprach mit Journalisten aus aller Welt, sie wurde gemobbt, angefeuert und in Geiselhaft von politischen Strategen genommen und von Journalisten auf der Jagd nach Schlagzeilen belagert.stormy daniels bei 60 minutes In ihr sieht man das Symbol des Hangs der Regierung Trump für Lügen, für die Verachtung gegenüber zivilem Umgang miteinander, von Normen, Gesetzen, Frauen und der Wahrheit ganz allgemein. Eines der Probleme, derer sich Stephanie Clifford bewusst scheint, ist, dass selbst ihre Mitstreiter und Helfer bisweilen aus der politischen Motivation handeln, dass die Assoziation eines Präsidenten mit einem Pornostar peinlich oder entwürdigend sei. Für jemanden, der so viel in seinem Feld erreicht hat, Auszeichnungen, Geld und Anerkennung, muss das beleidigend sein. Auch deshalb hat sie oftmals gesagt, dass sie Trump nicht herabwürdigen wollte, sondern lediglich selbst nicht gemobbt werden möchte und keine Lügen darüber akzeptiert, wie ihren Angaben zu Folge mit ihr umgegangen wurde. Sie wirkt wie eine Person, die zwar aufrecht bleibt, aber nichts lieber täte, als zu ihrer eigentlichen Arbeit zurückzukehren.

Der Auftrag, ein Interview mit Stormy Daniels zu führen, schien somit wie eine schwierige, aber kaum abzulehnende Aufgabe. Also entschied ich mich, nicht nach Informationen über Donald Trumps körperliche Ausmaße zu fragen, eine Fragestrategie, die ohnehin von ihrem Publizisten mit Nachdruck decouragiert wurde. Stattdessen sprachen wir kurz über ihr Lieblingsbuch, ihre Entscheidung, an die Öffentlichkeit zu gehen und ihre Meinung zu den gegenwärtigen Umwälzungen in dem Geschäft, das sie offensichtlich liebt und vermisst: Pornos drehen und schreiben.

VENUS: Willkommen in Deutschland und herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Buch »Full Disclosure«. Es ist eine unterhaltsame, bewegende und interessante Lektüre, und ich habe sie sehr genossen. Ich möchte das Interview ein wenig anders beginnen als die übrigen, da wir bemerkt haben, dass Sie in Ihren Memoiren auf den berühmten Roman »Little Women« von Louisa M. Alcott Bezug genommen haben und Sie eine bissige Bemerkung dahingehend gemacht haben, dass, wenn Leute Ihr Buch lesen, bevor sie »Little Women« lesen, sie ernsthaft ihre Lebensentscheidungen überdenken sollten. Das brachte mich zu der Frage: Was ist denn Ihr Lieblingsbuch?

Stormy Daniels: Mein Lieblingsbuch? Ich erwähne Little Women, weil man in der Schule diese riesigen Leselisten bekommt und das ist eines der wenigen Bücher, die ich nicht ausgelassen, sondern wirklich gelesen habe. Es hat mir gefallen. Und natürlich, egal wie oft ich es lese… ich muss es wieder und wieder lesen und ich komme immer wieder darauf zurück, als wäre ich eine nicht dazu lernende, geschlagene Freundin, das Buch ist: »Black Beauty«. Es bringt mich jedes Mal zum Weinen. Aber so ziemlich alles, was mit Pferden zu tun hatte, habe ich gerne gelesen. Ich liebe das Buch. Auch wenn ich jedes Mal, wenn ich es lese, weine…… Es ist schrecklich. (Lacht.)

VENUS: Sie scheinen grundsätzlich eine Person zu sein, die einen humorvollen Sinn für die Absurdität der Situation hat, in die Sie geraten sind. Und so habe ich mich gefragt, was Sie direkt zu Beginn gedacht haben, als Sie hörten, dass Trump für die Präsidentschaft kandidieren würde? Was war da Ihr erster Gedanke?

Stormy Daniels: Mein erster Eindruck war, dass das nicht wahr sein kann, dass die Aktion nicht echt ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das die erste Reaktion von so ziemlich jedem war.  Ich war zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht besonders.

VENUS: Ihr Leben muss sich in alledem sehr verändert haben. Was war Ihr Ziel, als Sie sich entschieden, so bewusst und groß an die Öffentlichkeit zu gehen?

Stormy Daniels: Ursprünglich war es schlicht mein Ziel, mich zu verteidigen. Die Leute sagten üble Dinge über mich, und ich wollte mich verteidigen. Und dann ging das so weit, dass ich kämpfen musste, um meine Seite der Geschichte überhaupt erzählen zu können. Ich war nicht so, wie die Leute sagten. Derzeit ist es natürlich mein Ziel, meinen Prozess zu gewinnen und sie dazu zu bringen zuzugeben, dass sie mich völlig schikaniert haben und dass die NDA (Schweigevereinbarung) nicht rechtsgültig war, sie war nie rechtmäßig. Und dann ist es mein Ziel, eine Insel zu kaufen und zu verschwinden. (Lachen)

VENUS: Den Wunsch verstehe ich sehr gut. Gibt es viele Drohungen gegen Sie? Es ist nicht zu übersehen, dass Sie ständig Security benötigen, während Ihres Aufenthaltes hier. Inwiefern beeinflusst das Ihren Alltag?

Stormy Daniels: Nun, es gibt immer Drohungen. Heute Morgen erst habe ich einige sehr kreative in den sozialen Medien gelesen, direkt auf dem Weg hierher. Aber die meisten von ihnen kommen übers Netz. Die Leute sind halt viel mutiger, wenn sie im Keller ihrer Mutter vor ihrer Tastatur hocken. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mindestens 90% der Leute mir sowas nie ins Gesicht sagen würden.

VENUS: Sie sind zum ersten Mal in Deutschland?

Stormy Daniels: Ja, es war schon mal geplant, aber dann hat der Zeitplan nicht funktioniert. Die Firma, für die ich gearbeitet habe, kam jedes Jahr zur Venus. Ich glaube, meine Filme haben hier Preise gewonnen, aber der Zeitplan hat nicht geklappt. So war ich sehr aufgeregt, als ich dieses Jahr eingeladen wurde. Ich wollte immer schon herkommen und bin sehr neugierig,

VENUS: Haben Sie einen Eindruck von der VENUS bekommen?

Stormy Daniels: Ich habe noch nicht viel gesehen. Aber ich werde morgen unten in den Hallen sein und Autogramme geben. Da werde ich ein Gefühl für die Messe bekommen.

VENUS: Die Erotikindustrie verändert sich derzeit immens. Insbesondere durch Streaming-Seiten wie Pornhub und durch die Destabilisierung der Pornostudios gibt es starke Umwälzungen in der Branche. Wie sehen Sie die Lage? Glauben Sie, dass es jetzt mehr Möglichkeiten gibt, beispielsweise mit den Clip-Seiten, oder sind Sie eher pessimistisch, was den Untergang des Studiosystems betrifft?

Stormy Daniels: Als Filmautorin, Regisseurin und Produzentin ist es aus meiner Sicht ziemlich verheerend. Was die gesamte Branche betrifft, so sehe ich durchaus, dass mehr Geld an die Darsteller geht. Die Mädchen können jetzt mehr Geld verdienen, indem sie Camming machen, indem sie ihre eigenen Clips drehen, indem sie ihre eigenen Inhalte produzieren und indem sie den Produzenten aus der Gleichung ausklammern. Was schlecht für mich ist, da ich Produzentin bin. Aber ich denke, für die Darsteller ist es besser. Sie haben jetzt mehr Kontrolle darüber, was sie tun wollen und eben auch was nicht, und sie legen ihre eigenen Preise fest auf Webseiten wie OnlyFans, Clips4Sale und Webcamming. Ich vermisse es, Drehbücher zu schreiben und Regie zu führen, aber es ist wahrscheinlich besser für die Darsteller.

VENUS: Woran arbeiten Sie gerade?

Stormy Daniels: Nichts. Was enorm traurig ist. (Lacht.)

VENUS: Sie machen also gerade eine weltweite Werbetour für das Buch, und dann nehmen Sie sich eine Auszeit?

Stormy Daniels: Sobald ich mit der Buchtour fertig bin, fange ich wieder mit dem Produzieren von Filmen an. Weil ich diese Arbeit vermisse. Ich bin von Regie für 10 Filmen pro Jahr zu gar nichts mehr übergegangen.  Ich habe seit Juni oder Juli nichts mehr gedreht, ich vermisse es sehr.

VENUS: Vielen Dank fürs Gespräch. Viel Spaß auf der Messe!

Das Interview wurde von Christian Lux geführt.

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