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Mittwoch, September 26, 2018
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Patreon wegen neuer Guidelines in der Kritik – Inhalteanbieter in Sorge

Die Crowdfunding-Plattform Patreon hat sich in eine selbstgeschaffene Krise manövriert. Hunderte von Inhalteanbietern im Bereich der Erwachsenenunterhaltung protestieren in einem offenen Brief gegen die neuen Community Guidelines des Unternehmens. Patreon hat sich zwar beeilt, den Brief zu beantworten und verweist darauf, dass sich strengeren Richtlinien auf die Verhinderung illegaler Pornografie gerichtet sind, doch die selbständigen Partner des Unternehmens zeigen sich weiterhin beunruhigt. Dies ist auch ein Zeichen dafür, wie rasch sich der Crowdfunder auf Abobasis als wichtige Einkommensquelle für Inhalteanbieter im Sexgeschäft etablieren konnte.

Etwa 800 Unterzeichner zählt der offene Brief, der sich gegen die neuen Community Guidelines für Inhalteanbieter bei Patreon positioniert. Die Anbieter fürchten um ihre Einnahmequelle, da die neuen Regeln Pornoproduzenten und Camanbieter in ihrer Existenz auf der Plattform gefährden.

Der offene Brief

Venus Adult News dokumentiert das Hin und Her zur Gänze. Hier ist der offene Brief der Inhalteanbieter und ihrer Unterstützer:

»Wir schreiben Ihnen heute als Anbieter für Sexinhalte und als besorgte Mitbürger, die de die rechtmäßige, freie Meinungsäußerung in Gefahr sehen. Wir sind zutiefst enttäuscht über die unklare Handhabung von Erwachseneninhalten auf Ihrer Plattform und die gemischten Signale, die davon ausgehen. Doch nicht nur das, die Schwächsten unter uns – unverhältnismäßig viele Queer, Trans, Behinderte, Farbige und andere Personen, deren Muttersprache nicht Englisch ist – sind in existentieller Angst um ihren Lebensunterhalt. Nach der hart erarbeiteten Gewinnung von Anhängern, die uns über Patreon unterstützen, kann schon eine ausbleibende Zahlung in die Obdachlosigkeit führen.

In den letzten Jahren wurden wir sehr von Ihnen umworben, haben mit Ihnen bei Werbemaßnahmen, in der Inhalteerstellung und sogar bei der Entwicklung von Webseitenfunktionen zusammengearbeitet und uns wurde wieder und wieder versichert, dass Patreon eine Heimat für Anbieter jedweder Inhalte sei – einschließlich also für jene, die Inhalte nur für Erwachsene produzieren. Es wurde weithin darüber berichtet, dass Sie die finanzielle Diskriminierung von Erwachseneninhalten beenden würden – etwas, das uns von Ihren Mitarbeitern in Direktnachrichten stolz bestätigt wurde.

Es gibt jedoch ein Problem mit ihrer Positionierung von »Pornografie« versus »Erwachseneninhalte«. Diese Positionierung war niemals klar gefasst und erinnert an die Wendung »I know it when I see it« [Ich erkenne es, wenn ich es sehe], die bekanntermaßen 1964 vom Verfassungsrichter Potter Stewart verwendet wurde, um seinen Test für die Erkennung von Obszönität zu erläutern. Es ist eine überkommene, rechtlich unklare und extrem problematisches Verständnis von Erwachseneninhalten.

Dieses Problem wurde in den letzten Tagen auf Ihrer Seite sehr sichtbar, dort befand sich früher ein Kästchen, das man anklicken konnte: »Content contains sexual imagery or nudity« [Inhalte enthalten sexuelle Bilder oder Nacktheit].

Nun aber wurde diese Stelle um Zuge der neuen Guidelines vom 17. Oktober um einen weiteren Text erweitert. Dort steht nun:

»Schließlich ist es nicht erlaubt, pornografisches Material oder sexuelle Dienstleistungen als Belohnung für Ihre Patrons anzubieten. Sie dürfen Patreon nicht dazu nutzen, um Gelder für die Produktion pornografischer Materialien zu sammeln oder eine Webseite zu unterhalten, Filmproduktionen zu finanzieren oder private Webcam-Sessions anzubieten.«

Das ist aber, wie Sie wissen, genau das, was viele populäre Anbieter auf Ihrer Seite tun. Wir senden unseren Patrons signierte Drucke. Wir lassen sie auswählen, welche Art Film produziert wird. Es ist sogar genau das, was Sie uns vorgeschlagen haben, wie wir vorgehen sollen – Patreon dazu zu nutzen, einen Film zu finanzieren oder eine Webseite zu erstellen, um unsere Patrons verlässlich belohnen zu können! Wir haben die Korrespondenz mit Ihrem Support-Team, um das zu belegen.«

Die Unterzeichner des Briefes wurden gebeten, ihre Verbindungen offenzulegen. Diese Daten können am Ende des Dokuments auf der Webseite des Briefs eingesehen werden: OpenLetterToPatreon.com.

Die Antwort von Patreon

Patreon hat auf den Brief sehr schnell geantwortet. Jack Conte, der CEO von Patreon, hat auf der Unternehmenswebseite ein Statement veröffentlicht:

»Hey Leute – es gab ein paar Artikel, Gespräche in den sozialen Medien und einen offenen Brief zu den jüngsten Aktualisierungen in unserer Policy zu Inhalten. Letzte Woche hat das Trust & Safety Team in einem Blogeintrag die Änderungen an den Community Guidelines erläutert.

Ich hoffe sehr, dass ihr euch die Zeit nehmt, den Blog und die Community Guidelines selbst zu lesen.

Vor allem hoffe ich, dass ihr versteht, dass sich nichts geändert hat, außer unserer Position zu vier inhaltlichen Bereichen: Zoophilie, Inzest, sexuelle Darstellung von Minderjährigen und sexuelle Gewalt.

Es bricht mir das Herz, dass Leute, die zu OpenLetterToPatreon. com beigetragen haben, Angst um ihre Seiten geäußert haben. Patreon ist nicht diese Art von Unternehmen. Ich möchte, dass ihr uns widersprechen könnt. Ich möchte, dass ihr mit euren Stimmen Gehör findet. Ich möchte, dass ihr Funktionen und Richtlinienänderungen einfordert. Ich möchte, dass ihr die Community zusammenbringt. Diese Art des Drängelns ist nicht nur gut für die Community, sondern ich bin auch der Meinung, dass es letztendlich gut für Patreon ist, weil es unserem Team hilft, die Stimme unserer Macher einfühlsam zu verstehen. Ich möchte, dass Patreon das kreativste Unternehmen der Welt ist, und dazu müsst ihr unbedingt aussprechen, was euch nicht gefällt und uns sagen, was euch auf dem Herzen liegt. Patreon wird nicht immer in der Lage sein, das zu tun, was ihr wollt – aber zumindest können wir dafür sorgen, dass wir euch hören.

Als Entwickler habe ich mich immer wieder geärgert, wenn Technologieunternehmen und CEOs still geblieben sind, wenn Änderungen im Hintergrund implementiert werden und die Community sich im Ungewissen gehalten fühlt. Es beunruhigt mich sehr. Denn Content Policy ist eines der wichtigsten und kompliziertesten Probleme für moderne Technologieplattformen. Es ist kompliziert und vielschichtig und von entscheidender Bedeutung, es richtig zu machen. Ich möchte unser Update also persönlich erläutern – und mir ist klar, dass das nicht bedeutet, dass alle damit einverstanden sein werden – aber zumindest möchte ich nicht schweigen. Also los geht’s:

Die Art und Weise, wie das Trust and Safety-Team die Inhalte bewertet, hat sich nicht verändert. Ja, die öffentlichen Richtlinien wurden länger, weil unsere Urheber um zusätzliche Präzisierungen gebeten hatten. Als Reaktion darauf teilen wir euch mehr Details darüber mit, wie wir Inhalte bewerten. Es stellt keine Änderung unserer Contentpolitik dar – es ist ein zusätzliches Element zur Schulung der Community.

Wir haben vier (und ausschließlich vier) Bereiche unserer Contentpolitik aktualisiert: Inzest, Sodomie, sexuelle Darstellung von Minderjährigen und sexuelle Gewalt. Wenn man nur die Schlagzeilen liest, wird man den Eindruck haben, dass wir »gegen Erwachseneninhalte vorgehen«. Das ist aber nicht das, was tatsächlich passiert. Wir haben nur die vier oben genannten Bereiche unserer Richtlinie angepasst.

Patreons Haltung zur Pornografie hat sich nicht geändert. Wir haben Pornografie und sexuelle Dienstleistungen auf Patreon nie erlaubt, und diese Haltung ist in unseren Richtlinien seit ihrer ersten Veröffentlichung vor einigen Jahren eindeutig gewesen. Wir sagten immer, dass wir »mit einem R-Rating« versehene Inhalte erlaubten, aber diese Beschreibung war nicht effektiv darin, der Community unsere Regeln klar zu erklären. Sie verschaffte keine Klarheit, um zu verstehen, was erlaubt ist und was nicht. Unsere aktualisierten Community Guidelines erläutern im Detail, was wir unter Adult Content verstehen. Ich weiß auch, dass »Pornografie« schwer zu definieren ist, und dass »man erkennt es, wenn man es sieht« eine völlig unzureichende Richtlinie ist. Deshalb haben wir den Bereich Pornografie in unserer Contentpolitik um weitere Details erweitert, und unser Team wird in Zukunft noch ausführlicher, unsere Richtlinien erläutern. Seit heute Morgen steht in den Richtlinien, dass wir »echten Menschen, die sexuelle Handlungen wie Masturbation oder Geschlechtsverkehr vor der Kamera zeigen«, nicht auf der Plattform erlauben.

Nur sehr wenige Urheber sind von diesen Aktualisierungen betroffen. Nochmal, es geht bei den Änderungen nur um Zoophilie, Inzest, sexuelle Darstellung von Minderjährigen und sexuelle Gewalt. Die meisten Leute, auch die Mehrheit in den Adult Communities haben nichts zu befürchten.

Patreon zieht den Urhebern nicht den Boden unter den Füßen weg, auch nicht im Falle eines Regelverstoßes. Unser Team hat in den letzten Wochen ein neues System von Suspendierungen entwickelt, um plötzliche Sperrungen zu vermeiden. Die Suspendierung mag immer noch hart erscheinen – ich verstehe diese Perspektive vollkommen -, aber im Falle eines Richtlinienverstoßes gibt sie dem Urheber die Möglichkeit, mit einem Teammitglied zu sprechen und seine Seite zu reaktivieren.

Die Urheber haben jetzt Zeit, persönliche Kontakte zu einem Vertreter innerhalb von Patreon und ein Team von Vertrauens- und Sicherheitsbeauftragten, die ihnen helfen, ihre Seiten zu aktualisieren, anstatt einfach von der Plattform entfernt zu werden.
Jeder Urheber ist einzigartig, und jede Inhaltsbewertung ist individuell durchzuführen. Wir glauben nicht an pauschale Verallgemeinerungen oder Entscheidungen über die Existenzgrundlage der Urheber. Wir vermeiden weit gefasste Fragen wie »Ist das in Ordnung, oder ist das ok?« Ein Vertreter wird sich jeden Fall und jeden Kontext im Einzelnen anschauen. Jeder, der Fragen oder Bedenken zu seiner Seite hat, kann mit einem Menschen sprechen, der mit euch zusammenarbeitet, um herauszufinden, wie ihr eure Seite aktualisieren können, damit sie mit den Richtlinien funktioniert.
Das Team hat diese Aktualisierungen nun als Folgemaßnahme zu meinen im vergangenen Sommer eingegangenen Trust & Safety-Verpflichtungen vorgenommen. Wir haben die letzten Monate damit verbracht, die Verpflichtungen zu implementieren, und einige Aktualisierungen waren fertig (wir waren besonders zufrieden, dass wir das Werkzeug der Suspendierung als Alternative zum Entfernen von Seiten einführen konnten). Wir haben Spekulationen darüber vernommen, ob die Aktualisierungen mit dem kürzlich stattgefundenen Series C Fundraising zu tun hatten. Dem ist nicht so.

Diese Aktualisierung unserer Community Guidelines ist Teil einer umfassenderen Bemühung, unsere Community zu schulen und den Leuten mehr Klarheit darüber zu geben, was wir erlauben oder was nicht. Unsere vorherigen externen Gemeinschaftsrichtlinien umfassten 795 Wörter. Die neuen Richtlinien sind 2.802 Wörter lang. Hoffentlich bietet euch die zusätzlichen Erklärungen mehr Klarheit, führt zu weniger Mutmaßungen und gibt euch die nötige Klarheit.

Ich habe es schon gesagt, aber ich wiederhole es noch einmal: Ich persönlich nehme inhaltliche Fragen sehr ernst. Meine persönliche Überzeugung ist, dass die Inhaltspolitik bei Onlineinhalten im Moment noch in den Kinderschuhen steckt – die meisten Tech-Unternehmen sind nicht gut aufgestellt in der Content-Politik. Ich denke, dass Tech-Unternehmen im Großen und Ganzen zu wenig in die Inhaltspolitik investieren. Insbesondere im Bereich der Zahlungssysteme. Wir reden hier über das Einkommen eines Menschen – wir reden über den Lebensunterhalt. Wir müssen klar, rigoros und fürsorglich sein. Es ist das Beste für Patreon, das Beste für unsere Urheber und das Richtige.

Die Reaktion auf Patreons Antwort

Die Antwort von Conte beruhigt die besorgten Inhalteanbieter nur wenig. Sie haben bereits geantwortet:

»Wir haben die E-Mail von Jack Conte gelesen. Sie veranschaulicht weiterhin die Probleme, über die wir in unserem offenen Brief schreiben, und verschlimmert sie sogar noch weiter. Er zielt stark gegen bestimmte Ausdrucksformen, wie zum Beispiel »echte Menschen, die sich sexuell betätigen«, und geht ausführlich darauf ein, wie gut Patreon für die Urheber sei. Und wenn wir nicht zustimmen, dass es ein schönes Zuhause ist, ist das ok, weil es nur “sehr wenige Urheber” beträfe.

Wir werden weiterhin solidarisch mit allen Urhebern der Plattform sein, die legale Inhalte erstellen, und Patreon weiterhin auffordern, die Position des Unternehmens dahingehend zu revidieren, dass jeder legale Inhalt für Erwachsene an einem geschützten Ort auf der Website zugelassen bleibt. Wir sind traurig, zu hören, dass die Art und Weise, wie seine Firma mit unserer Gemeinschaft umgegangen ist, ihn bestürzt, aber es ist schwer für uns, Empathie für jene, die an der Macht sind, aufzubringen, während wir darum kämpfen, gehört zu werden, arbeiten zu dürfen und zu überleben.

Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass Patreons heutiger Schritt genau das Gegenteil von dem ist, was wir gefordert haben. Patreon sagt im Grunde, dass das Unternehmen glaubt, dass SexarbeiterInnen, die nicht in der Lage sind, ihre Tätigkeit zu ändern oder zu zensieren, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, ihr Einkommen verlieren sollten und dass legale Ausdrucksformen sexueller Kreativität kein Zuhause auf der Plattform haben.

Diese E-Mail veranschaulicht die Einstellung von Patreon und anderen Technologieunternehmen, denen ihr Image, vielleicht bei Investoren oder Bankpartnern, wichtiger ist als das Wohlergehen der Urheber von legalen Inhalten, die sich auf Patreon als Einnahmequelle und einen der einzigen “sicheren” Orte für uns verlassen.

Wir werden weiterhin Unterstützung suchen und über unsere nächsten Schritte als vereinigte Urheber nachdenken.«

Mittlerweile hat einer der ersten Organisatoren des offenen Briefes, Liara Roux, ihren Patreon-Account gesperrt bekommen. Versucht die Firma, Kritiker zum Schweigen zu bringen und zu bestrafen? Die Geschichte geht weiter, und wir halten Sie auf dem Laufenden.

Im Zusammenhang dazu: FanCentro schreibt offenen Brief an Patreon

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