Überlaute Ballermann-Musik, dichtes Gedränge, der intensive Geruch süßen Parfüms: Das ist die Erotikmesse Venus 2016 in Berlin. Alles wie immer also? Nein. Denn wo früher Erotikfilmstars ihre Fans mit Fotos beglückten, stehen heute Webcam-Girls und Amateurdarstellerinnen. Die Porno-Industrie durchläuft einen Wandel.

“Erotikfans wollen heutzutage die Hausfrau aus ihrer Umgebung”, sagt Maximilian Peldszus. Der 28-jährige Hamburger ist operativer Direktor einer Erotik-Community, die nicht nur Chats zum Minutenpreis bietet, sondern auch persönliche Webcam-Shows und Amateur-Videos. “In”, sagt er, sei nicht mehr der Pornostar, den man anhimmelt, der aber unerreichbar ist, sondern “lebensnahe Erotik von nebenan”.

400 Euro – am Tag

Eine dieser Frauen von nebenan ist die Reutlingerin Eva Adams, 27, gelernte Erzieherin. Bis vor zwei Jahren stand sie am Ende des Monats mit etwa 1000 Euro da, schulterte drei Nebenjobs. Adams sattelte auf Webcam um und verdient damit heute bis zu 400 Euro pro Tag. “Der Einfachheit halber geht der Trend zu Live-Webcams”, sagt sie, “so kann heute jeder Pornostar werden.” Und das auch ohne Sex mit fremden Männern zu haben. Webcam-Girls stehen alleine vor der Kamera oder mit selbst ausgesuchten Partnern.

Auch das Verlangen nach Interaktivität begründete den Webcam-Trend. “Eine Webcam-Show ist wie ein interaktiver Porno”, erzählt die Reutlingerin. “Man führt einen Dialog und hat mit der Frau, die man begehrt, virtuellen und den eigenen Wünschen angepassten Sex.”

Gratis-Pornos lassen Umsätze abstürzen

Kurz nach der Jahrtausendwende war die Pornoindustrie in eine Krise geraten. Weltweit setzt sie jährlich immer noch fast 100 Milliarden US-Dollar um, in Deutschland ist der Umsatz dem Onlineportal Netzsieger zufolge aber in den letzten zehn Jahren um die Hälfte auf fünf Milliarden Euro gesunken.

Nachdem die Branche zunächst vom Internet-Boom profitierte, ließen Gratis-Seiten die Umsätze purzeln. “Damals, als die Kunden noch für DVDs und Mitgliedschaften auf Portalen zahlten, hat die Porno-Industrie gut gelebt”, sagt René Pour, Gründer und Geschäftsführer einer Plattform für virtuelle Erotikfilme, die mit einer speziellen Brille geschaut werden.

Heute füllen Webcam-Seiten und Virtual Reality die Lücke, die der eingehende Film-Verkauf riss. Diese neuen Trends könnten laut Pour von Gratis-Seiten nicht missbraucht werden. Dadurch sei ihr Markt vor Piraterie geschützt und der Kunde sei wieder bereit zu zahlen.

Wie beim Gegenwartstheater verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Der Pornokonsument ist nicht mehr nur Betrachter, sondern gibt Anweisungen und nimmt an den Handlungen Teil. Dank Webcams bekommt er das faszinierende Gefühl, hinter die Fassade blicken zu können.

Es geht um Authentizität

“Authentizität ist das große Stichwort”, sagt Webcam-Girl Adams. “Die User” wüssten, dass sie ganz normale Frauen sehen, die wie sie privat zu Hause vor der Kamera säßen und echte Lust und Emotionen zeigten. Lebensnah eben. Und interaktiv. Allein der Internetbegriff “User”, mit dem Pornogucker heute betitelt werden, verdeutlicht diesen Wandel zur Porno-Online-Community.

Für Website-Betreiber Peldszus geht diese Veränderung einher mit einem gesellschaftlichen Wandel. Die Kontaktpflege läuft heute über das Internet. Die neuen Erotik-Communities sind als Kontaktbörsen angelegt und werben mit vertrauter Social-Media-Oberfläche, Smartphone-Nutzbarkeit und direktem Kontakt zu den Darstellerinnen. Die Frauen in seiner Community seien alle verifiziert, chatteten selbst und gäben sogar die ersten beiden Stellen ihrer Postleitzahlen an, so der Hamburger. Damit reagiert die Porno-Branche darauf, dass sie vor knapp zehn Jahren von den sozialen Netzwerken im Traffic überholt wurden.

Nur noch zugucken, das reicht nicht mehr

Die Grenzen verschwimmen immer weiter: “Die Porno-Branche hat heute auch mit Dating zu tun, bei uns treffen einige Benutzer die Erotik-Modelle und führen teilweise eine Beziehung mit ihnen”, sagt Peldszus. Eine Analyse der deutschen Trafficzahlen stützt diese Aussage: Der Online-Dienst Alexa listet auf Platz eins der meistbesuchten Erotik-Websites eine Webcam-Community, gefolgt von weiteren Videochat-Seiten.

Den Richtungswechsel der Pornoindustrie hin zur Webcam-Amateur-Branche versteht kaum jemand besser als die gelernte Bürokauffrau Jolyne Joy, 35. Seit den absoluten Webcam-Anfängen vor 15 Jahren ist sie dabei. Dieses Jahr gewann sie den Venus-Award für die beste Webcam-Show. “Damals habe ich für 30 DM die Stunde gearbeitet”, sagt die Berlinerin, “aber ich habe mich nicht ausgezogen, sondern nur gechattet oder geschlafen und die User haben mir dabei zugesehen.”

Aufstieg der Amateure

Die Webcam-Shows haben sich von einer stillen Big-Brother-Show zu virtuellen Pornos gewandelt. Aber es lohne sich. Der Trend zur Webcam, so Joy, käme vor allem auch daher, dass man sein eigener Herr und frei sein könne. Ohne Knebelvertrag, ohne Sex mit nicht selbstbestimmten Männern. Es ist die Emanzipation der Porno-Darstellerinnen: Selbstbemächtigung, Selbstverantwortung, Empowerment. Als freie Mitarbeiterinnen sind Webcam-Girls bei verschiedenen Portalen aktiv, agieren als kleine Ich-AGs.

“Als die Technik immer besser wurde, erhielt die Amateurbranche Einzug in den Webcam-Bereich und heute erkennt man da kaum noch Unterschiede”, erklärt Joy.  Dies kurbelte auch die Produktion von Amateurfilmen an, die viele Webcam-Girls zusätzlich zu Live-Shows selbst drehen, schneiden und zum Verkauf hochladen.

Eine der bekanntesten im Amateur-Bereich ist die Studentin Lucy Cat, 22. Vor drei Jahren entwarf die Hamburgerin innerhalb von zwei Monaten einen Businessplan, sicherte sich ihren Namen und passende Domains. Mehr brauchte sie nicht, ihre Filme macht sie selber und ihre Filmpartner sucht sie frei aus: “Früher waren solche Eigenproduktionen technisch und infrastrukturell nicht möglich, man musste bei Filmfirmen unter Vertrag sein, um Geld zu verdienen.”

“Mit manchen Usern bin ich befreundet”

Cats Videoclips verkaufen sich bis zu 3000 Mal. “Die meisten folgen mir aber auf den sozialen Medien, weil sie mich als Person mögen”, sagt sie. 100.000 Follower hat sie bei Youtube, wo kein pornografisches Material gezeigt wird. Cat weiß, ohne die sozialen Netzwerke wäre sie niemals so erfolgreich geworden und lacht: “Amateure sind die neuen Pornostars.”

Da ist sie wieder, die Interaktivität. “Mit manchen Usern bin ich mittlerweile richtig befreundet”, meint die Hamburgerin. Pornosternchen zum Anfassen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Lucy Cat und viele Kolleginnen bieten User-Drehs an, bei denen sie mit Fans einen Porno filmen und das Video auf ihren Seiten hochladen. “Das lockt Kunden an”, sagt Cat.

Mehr Interaktivität geht nicht. User werden Teil des Pornos und der Erotikbranche, wieder werden bewusst Grenzen von Fiktion und Realität verwischt. Film wird Wirklichkeit und Wirklichkeit wird Film.

Aber für die Darstellerinnen hat diese Communitysierung auch eine ganz eigene Realität: Ihre richtigen Namen möchten Eva Adams, Jolyene Joy und Lucy Cat nicht in der Zeitung lesen. Aus Angst vor Stalkern.

Quelle: Stern

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