Redtube-Skandal: Das blutige Ende des IT-Spezialisten – erschossen auf Parkplatz

Porno-Gucker hatten Angst vor seiner Späh-Software – jetzt ist der Mann tot, der im sogenannten Redtube-Skandal die rätselhafte IT-Software programmierte.

Es war einer der größten Skandale der digitalen Welt, er warf ein fahles Licht auf gleich mehrere dubiose Branchen: die Porno-Branche zum einen, zum anderen aber auch auf Abmahn-Anwälte und wie sie Gerichte für ihre Interessen missbrauchten. Die Rede ist vom sogenannten Redtube-Skandal, dem Höhepunkt mehrerer Affären um den früheren Regensburger Rechtsanwalt Thomas U. – und ein seltsamer Todesfall wirft nun erneut Fragen auf.

Es ist der 11. März 2016, frühmorgens, in der kleinen Stadt San Giorgio delle Pertiche in Norditalien, unweit der Stadt Padua. Eltern bringen gerade ihre Kinder zur Grundschule, passieren einen Parkplatz, der zentral im Ort liegt. Da packt einen Passanten das Entsetzen: In einem Mietauto mit Münchner Kennzeichen entdeckt er zwei Leichen. Kopfschüsse haben sie getötet.
Blutüberströmt sitzt die Leiche der 25-jährigen, rumänisch-stämmigen Mariana C. auf dem Beifahrersitz. Neben ihr der 34-jährige Karl Christian N., auch er hat eine Kugel im Kopf. Zu seinen Füßen liegen eine Zestava CZ-99 und drei Patronenhülsen. Herstellerland der Waffe: Serbien.

Die italienische Polizei kommt schnell zu dem Schluss, dass es sich um einen erweiterten Selbstmord gehandelt haben muss. Der 34-jährige Deutsche habe die 25-jährige Rumänin deshalb auf dem Parkplatz in Norditalien getötet, weil er sich mit ihr ein Leben in Deutschland gewünscht habe – die junge Frau aber nicht.
All dies wäre ein tragischer Fall, mehr nicht. Wäre der erschossen aufgefundene Mann nicht eine Schlüsselfigur im Redtube-Skandal – Karl Christian N. ist der Mann, der die Software programmiert hatte, mittels der zigtausende von IP-Adressen jener Nutzer ausgespuckt wurden, die sich bestimmte Pornos auf der Plattform Redtube angesehen hatten. Sie hatte den Namen GLAD II – bis heute ist nicht restlos geklärt, wie sie funktionierte. Angeblich war die Software in einem Werbebanner auf Redtube versteckt.

 

Der Schuss ging am Ende nach hinten los

Zur Erinnerung: Die Redtube-Abmahnungen Ende 2013 hatten viele Porno-Gucker erschüttert, denn erstmals waren es nicht Downloads von Filmen via Tauschbörsen, die abgemahnt wurden. Hier ist die Rechtslage eindeutig: Jeder, der Filme illegal herunterlädt, muss im Zweifel die Abmahnkosten zahlen. Jahrelang war die Regensburger Kanzlei von Thomas U. eine der größten Abmahn-Fabriken in ganz Deutschland. Doch beim Redtube-Skandal war alles ganz anders:
Hier waren es nämlich gestreamte Filme, keine Downloads. Das Argument der Abmahner: Auch zum Streamen muss der Rechner Daten zwischenspeichern. Und diese Speicherung sei bereits eine Urheberrechtsverletzung. Sechs Filme waren es, unter anderem „Amanda’s Secret“ und „Hot Stories“, die abgemahnt wurden. Die Abgemahnten sollten 250 Euro zahlen, angeblich wurden von Regensburg aus etwa 43.000 Briefe verschickt. Das Landgericht Köln, bei dem die Anträge auf Herausgabe der Realadressen mittels der zuvor ermittelten IP-Adressen beantragt wurde, hatte teilweise Adressen herausgegeben – teilweise die Anträge abschlägig beschieden. Erst hier kam die Kanzlei von U. ins Spiel, die nämlich bereits Erfahrungen mit Massenabmahnungen hatte: Sie hatte die nötige Logistik, um eine solche Abmahnwelle zu stemmen. Doch der Schuss ging nicht nur nach hinten los, heute ist die Abmahn-Branche faktisch tot. Und: Streaming-Plattformen wie Redtube sind für Porno-Gucker sicher – denn sogar Justizminister Heiko Maas hatte sich genötigt gefühlt, durch ein Statement Porno-Streaming für legal zu erachten. In Kanada, wo die Firma Manwin als Redtube-Betreiber ihren Sitz hat, dürften spätestens da die Sektkorken geknallt haben – es geht bei Manwin um hunderte von Millionen Euro an Werbeeinnahmen auf den Porno-Seiten, also auch auf Redtube. Gleichzeitig hatte man Thomas U. faktisch vom Markt gedrängt – wegen einer anderen Strafsache im Zusammenhang mit einer von U. gekauften Wurstfabrik hatte der sogar seine Zulassung als Anwalt zurückgegeben. Bei einer Vielzahl von Schadensersatzklagen in der Redtube-Affäre unterlag U. mehrfach vor Gericht. Ein Debakel für den einstigen Abmahn-Giganten.

Und so kommt es, dass in der Szene der mögliche erweiterte Selbstmord Karl Christian N.s in Norditalien mit einigem Entsetzen zur Kenntnis genommen wurde. Denn immer wieder wurde spekuliert, dass es die Betreiber der Streaming-Plattformen selbst waren, die quasi einen riesigen Abmahn-Skandal inszenierten. Zu viele Ungereimtheiten gab es in der Affäre, beispielsweise war am Ende nicht einmal mehr klar, wer die Urheberrechte an den dubiosen Filmchen überhaupt besaß. Waren sie nur produziert und auf Redtube eingestellt worden, um auszutesten, ob das Streaming gegen deutsches Urheberrecht verstößt? Denn am Ende sind sie die großen Gewinner der Affäre gewesen, ihr Geschäftsmodell ist gesichert. So betrachtet könnte aus dem Selbstmord N.s schnell ein Auftragsmord werden, der als Selbstmord inszeniert wurde. Alles nur blasse Theorie? Ist N.s brutaler Tod und der seiner Freundin auf dem Parkplatz in einer italienischen Kleinstadt nur ein weiterer, wenn auch morbider Zufall?
Man wird wohl nie erfahren, was der Hintergrund war – Fragen bleiben dennoch in einem der größten Internet- und Abmahn-Skandale, den es bisher in Deutschland gab.

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