Begeisterung für “Graf Porno”

Mit dem Sexfilmproduzenten Alois Brummer wollte seine Heimatstadt Mainburg in den 1970ern nichts zu tun haben - doch heute zieht eine Ausstellung Scharen von Besuchern an.

dr fummel

“Sex sells!” lautet ein wichtiger Leitsatz der Werbebranche. Tatsächlich verkaufen sich bestimmte Produkte besser, wenn sie etwa mit leicht bekleideten Frauen präsentiert werden. Diese Erfahrung hat jetzt auch das Stadtmuseum Mainburg in der Hallertau gemacht. Seit der Eröffnung einer Ausstellung über den Sexfilm-Produzenten Alois Brummer hat sich die Besucherzahl fast verdoppelt.

Dabei war der aus Mainburg stammende Brummer (1926-1984) in seiner Heimat nicht gut gelitten. Zu groß war die Angst, er beschädige mit seinem schlüpfrigen Geschäft das Ansehen der Mainburger. Der Titel der Ausstellung trifft die dortige Gefühlslage deshalb ganz gut: “A bißl gschamt habn wir uns schon!”

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigte sich am Sonntag, als sich zwei Hauptdarsteller aus Brummers Filmen dem geneigten Publikum stellten. Einem Publikum, das sich fundamental unterschied von jenen verhuschten Gestalten, die sich einst heimlich ins Bahnhofskino verdrückten, um Brummer-Streifen wie etwa “Graf Porno bläst zum Zapfenstreich” anzuschauen. Dieser Film wurde am Sonntag am Rande der Ausstellung gezeigt, und zwar einer gesetzten bürgerlichen Besucherschar, die den Sex-Klamauk sanft lächelnd über sich ergehen ließ.

“Wir waren mit unseren Filmen nach all der Prüderie und der Verklemmtheit der Nachkriegszeit so etwas wie Pioniere, und jetzt sind wir im Heimatmuseum gelandet. Ich bin erstaunt!”, sagte Rinaldo Talamonti, der in Brummers Sexstreifen als Karikatur eines Latin Lovers die humoristisch geprägten Hauptrollen bekleidete. Brummers Filme sind zeitgeschichtliche Dokumente, die viel über die gesellschaftlichen Befindlichkeiten der 70er-Jahre verraten.

Nach der Ära der Heimat- und Sissifilme drehten sich die meisten der damaligen Spielfilme um Sex und Nackedeis. Der Hopfenbauer Alois Brummer produzierte von 1968 an Sexfilme. Sissi Engl, die in einigen Streifen mitwirkte, sagte, Brummer sei kein sexbesessener Mensch gewesen. “Er wollte einfach Geld verdienen. Als er sah, dass die Schweden mit Sex ein Massenpublikum ins Kino lockten, machte er es ihnen nach.” “Geistreich sind’s nicht, meine Filme”, sagte Brummer selber, “aber geistreiche Filme sind auch kein Geschäft.”

Die Mainburger hatten Angst vor den Werken des Filmemachers

Die Mainburger selber wollten mit Brummer nichts zu tun haben. Ihm trauten sie alles zu. Als er sich 1970 andiente, einen Dokumentarfilm über die Hallertau zu drehen, wiesen sie ihn zurück. Die Stadtväter befürchteten, Szenen aus Mainburg könnten in einen von Brummers Sexfilmen einfließen. Am Sonntag, 45 Jahre danach, richtete der Mainburger Bürgermeister Josef Reiser ein Dankeschön an die Museumsgäste, “dass sie den Mut haben, sich nicht zu schämen. Es macht mich als Bürgermeister stolz, dass wir so mutig sind”.

Sissi Engl bedauerte, dass Brummer seine Aufnahme ins Heimatmuseum nicht mehr erleben konnte. Denn dieser hatte sich einst tief verletzt aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Und daran war der Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg nicht unschuldig. Sissi Engl ist überzeugt davon, dass Syberberg seine Karriere nur Brummer zu verdanken habe. In launigen Worten erinnerte sie an jene Schlüsselszene, an der sie selber als Nackedei im Kuhstall beteiligt war. Syberberg hatte Brummer und sein Team 1969 mit der Kamera begleitet und aus dem Material einen Dokumentarfilm geschnitten.

Brummer fühlte sich von diesem aus heutiger Sicht gelungenen Porträt bloßgestellt und wies sogar die Goldene Kamera zurück, die ihm überreicht hätte werden sollen. In einem Kuhstall in Oberaudorf hatte Syberberg jenen Vorgang festgehalten, in der die ahnungslose Bäuerin in eine Nacktszene hineinplatzte und das Filmteam mit der Mistgabel vom Hof jagte. Brummer hatte ihr erzählt, sie drehten einen Kulturfilm. “Saubande dreckate” schrie sie der Filmcrew nach.

Der Darsteller bekam sogar eine Auszeichnung vom italienischen Staat

Auch Talamonti bekräftigte, man brauche sich für damals nicht zu schämen, im Gegenteil: “Man müsste uns einen Preis geben, denn wir haben einen Beitrag geleistet zur Vermehrung der Deutschen. Nach diesen Filmen stieg die Geburtenrate.” Doch verschwieg er nicht, dass der derb-ironische Sex-Klamauk auch eine dunkle Seite hatte, vor allem für die jungen Schauspielerinnen, die oft gar nicht wussten, worauf sie sich einließen. “Es war ein knallhartes Geschäft”, sagte Talamonti, “wir waren auch Opfer der Produzenten. Statt der Erfüllung eines Traums blieb oft ein bitterer Nachgeschmack. Viele, die in dem Genre geblieben ist, waren bald kaputt.”

Talamonti und Engl gehörten nicht dazu, sie wurden später erfolgreiche Geschäftsleute. Talamonti wurde 2008 vom italienischen Staat der Titel eines “Ritters des Ordens des Sterns der Italienischen Solidarität” verliehen, einer Auszeichnung für Auslandsitaliener, die sich Verdienste für Italien erworben haben.

A bißl gschamt habn wir uns schon! – Sonderausstellung zum Filmproduzenten Alois Brummer, Stadtmuseum Mainburg; bis 26. Februar; geöffnet jeden 1. und 3. Sonntag im Monat; 14-17 Uhr.

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