Die kalkulierbare Lust

Die Deutschen sind Weltmeister in der Nutzung von Pornofilmen, niemand schaut mehr Sexfilmchen, so die Statistik. Pro Sekunde werden weltweit mehr als 30.000 Pornoclips angesehen, 13 Prozent davon in Deutschland. Ein Viertel aller Suchanzeigen im Internet dreht sich um Pornografie, das sind täglich 68 Millionen Anfragen. Das Erstaunliche: Man spricht darüber nicht, es ist ein Tabu. Warum das so ist und welche Ängste mit dem Konsum von Pornografie überwunden werden – darüber spricht Maria Ossowski mit dem Psychoanalytiker Professsor Dr. Karl-Josef Pazzini.

Karl-Josef Pazzini ist Psychoanalytiker und Kunstpädagoge – mit ihm hat Maria Ossowski über das Thema Pornografie gesprochen, etwas, was allgegenwärtig ist. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen jedoch nicht die ökonomischen, oftmals ausbeuterischen Details der Porno-Industrie –  vielmehr ging es um “die seelischen Voraussetzungen der Nutzer”, wie es Maria Ossowski formuliert.

“Leicht zu finden, leicht zu nutzen”

Pazzini sagt, pornografische Angebote seien in der heutigen Gesellschaft omnipräsent, “leicht zu finden, leicht zu nutzen.” Doch letztendlich seien die Nutzer beim Konsumieren sehr allein. “Ich kann mich an den Bildschirm setzen und die entsprechende Adresse eingeben, das liegt alles in meiner Macht”, so Pazzini.

“Eine beherrschbare Befriedigung”

Die Sucht nach Pornografie entstehe dann durch einen “nicht lebendigen Austausch”, erläutert Pazzini. Und zwar, indem man die Risiken der Kontaktaufnahme zur Umwelt minimiere und umstelle auf eine beherrschbare Befriedigung durch Pornografie im Internet. Man wisse dann sehr genau, was passiert – “im Unterschied zu dem, was passieren könnte, wenn ich in Kontakt  trete zu anderen Menschen – dann bin sowohl ich wie auch der Andere unkalkulierbar.”

“Ich bin zu nichts verpflichtet und ich habe den Erfolg”

Das Konsumieren pornografischer Angebote habe gewisse Merkmale: “Ich kann es alleine machen, ich kann es beherrschen, ich kann es wiederholen, es hat einen Anfang und einen Schluss, ich bin zu nichts verpflichtet und ich habe den Erfolg”, so der Psychoanalytiker. Und gerade diese Merkmale finde man auch in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft, die von Effizienz gekennzeichnet sind – “etwas zu erreichen in möglichst kurzer Zeit mit möglichst wenig Aufwand, möglichst wenige Verwicklungen, möglichst wenige Konsequenzen und der Erfolg muss auf der Hand liegen und kontrollierbar sein.”

Über die Rolle der Frau in pornografischen Darstellungen, über die Frage, ob Pornografie die klassische Aufklärung ersetzt und über den Leidensdruck von Porno-Süchtigen – darüber spricht Maria Ossowski mit dem Psychoanalytiker Professor Dr. Karl-Josef Pazzini.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here