Das Museum of Sex in New York erfindet sich neu

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Alexxa Gotthardt berichtet für artsy.net: »Es ist leicht, das New Yorker Museum of Sex als Touristenfalle abzuschreiben – schließlich ist es ein Museum, das in der U-Bahn große Werbeanzeigen schaltet und ein Werk namens »Bouncy Castle« mit wippenden Brüsten ausstellt.

Museen für Erotika – wie das Pariser Musée de l’Érotisme und das Berliner Beate Uhse Erotikmuseum – sind bekannt dafür, bizarre Kuriositäten auszustellen: antikes Sexspielzeug und Fruchtbarkeitssymbole mit erigierten Phallussymbolen. Das sind Orte, die man einmal aus Witz und Neugier besucht und zu denen man nie wiederkehrt. (In den letzten Jahren haben beide Museen die Pforten geschlossen.)

Das New Yorker Museum of Sex, das 2002 auf der viel frequentierten Ecke Fifth Avenue und 27th Street eröffnet wurde, war da bis vor Kurzem keine Ausnahme: auch hier fanden sich erotische Objekte und Erotika ausgestellt. Doch nun hat das Museum seine Ausrichtung auf eine andere Facette der Sexualität verlagert: Sex als künstlerische Inspiration.

Durch die Organisation von Ausstellungen und Lesungen über das Verhältnis zwischen den schönen Künsten und Sex hofft das Museum, seinen Ruf als Leichtgewicht loszuwerden und sich als ernstzunehmender Veranstaltungsort für kulturellen Austausch zu etablieren.

»Das Thema Sex ist für nahezu jeden kreativen Menschen sehr wichtig«, sagt Art Director und Impresario der Nacht, Serge Becker, der zugleich der neue kreative und künstlerische Leiter des Museums ist: »Es schien auf der Hand zu liegen, Kunst ins Museum zu holen.«

Becker trat seine Stelle im Juni 2016 an. Und seine erste Handlung war, dass er die Werbestrategie des Museums veränderte – um die Perspektive zu verändern, so nennt er das. Als Werkzeug diente ihm dafür die Kunst.

  • Serge Becker. (c) Lissa Rivera.
  • »Night Fever« Plakat. (c) Museum of Sex.

Becker ist ein erfahrener Art Director, der die hippen New Yorker Restaurants La Esquina und Miss Lily’s gestaltet hat und für Werbekampagnen von Nike und Swatch als Berater tätig war. Doch Werbung für das Museum – oder für irgendeine andere Organisation, deren Name das Wort »Sex« enthält – ist nicht einfach.

»Man kann nicht online werben, da Sex aus den Google-Suchen editiert wird«, erklärt Becker. Also ersann er einen Plan, der »traditionelle Außenwerbung« als Dreh- und Angelpunkt seiner Kampagne nutzen sollte. Außerdem gestaltete er den Instagram-Account des Museums grundlegend um. Beide Kommunikationskanäle betonten die Verbindung zwischen Kunst und Sex, wodurch die Umorientierung des Museums bekannt gemacht wurde.

Becker lancierte seine erste Kampagne im November 2016, die mit der Eröffnung der Ausstellung »Night Fever« zusammenfiel. In ihr kombinierte Becker die Fotografien Bill Bernstein, die die 70er Jahre in all ihren Geschlechtergrenzen sprengenden, spärlich gekleideten, tanzverrückten Facetten zeigten, mit dem Logo des Museums in schnörkellosen Großbuchstaben.

Die Ausstellung selbst, die bis Dezember gezeigt wurde, löste das Versprechen der Kampagne ein, starke, sinnliche Fotos zu zeigen, indem Bernsteins Bilder hervorragend gruppiert wurden, um die Disko-Ära mit legendären Clubs wie Studio 54, Le Cirque und Paradise Garage wiederauferstehen zu lassen. Die Fotos wurden in einer leder- und glasverzierten Bar des Museums ausgestellt, so dass die Atmosphäre der Fotos in den Räumlichkeiten wiederzuentdecken war. In der Mitte des Raumes befand sich ein großer Haufen Lautsprecher, die wie eine Statue schienen. Sie wurden von Richard Long angeordnet, der für die Soundsysteme der Clubs der Zeit verantwortlich gewesen ist.

»Night Fever« fungierte als Brücke zwischen dem alten MoSex, wie das Museum liebevoll genannt wird, und dem neuen Konzept, mit dem das Museum in die Zukunft aufbrechen will. Natürlich kann man sagen, dass das Museum seine Besucher mit der Nostalgie und dem Alkohol der vergangenen Ära gelockt hat. Aber Bernsteins Fotos sind stark genug, als dass man sie einfach als Gimmick abtun könnte.

Hiflreich war, dass die beiden folgenden Ausstellungen ebenfalls sehr gut waren. Die Ausstellung »Known/Unknown: Private Obsession and Hidden Desire in Outsider Art«, die noch bis September läuft, wurde als nächstes eröffnet. Sie präsentiert über 100 Ausstellungsstücke, die Sex und Sexualität in den Werken von autodidaktischen Künstlern nachspüren. Dazu gehört ein fantastisches Gemälde des zeitlebens zurückgezogen lebenden Künstlers Henry Darger, in dem einige seiner ‚Vivian Girls‘ – einige darunter mit Penis – ihre erwachsenen Angreifer abwehren. Zarte Gemälde von Aurie Ramirez feiern die vielen Facetten der Weiblichkeit, indem Frauen abwechselnd in Kleidungsstücken der Band Kiss, in viktorianischen Kleidern und einander nackt umarmend als Liebende gezeigt werden. Die kleinen Holzskulpturen des Künstlers Steve Ashby zeigen akrobatische Sexstellungen (die Titel haben wie Rocking Bed Cunnilingus Whirligig and Masturbating Man with Hand Under a Woman’s Blouse), in denen auf humorvolle Weise unterdrückte Wünsche illustriert werden.

»NSFW: Female Gaze« wurde am 21. Juni eröffnet. Wie »Known/Unknown« nähern sich Kunst und Sexualität von einer einzigartigen, zeitgemäßen Sichtweise einander an, indem die Arbeiten von 25 aufstrebenden Künstlerinnen vorgestellt werden, die bewusst den männlichen Blick zurückweisen – und so die Kontrolle über die weibliche Sexualität zurückgewinnen. Pixy Liao beispielsweise überwindet die Powerdynamik einer traditionellen, heteronormativen Beziehung in gestellten Bildern, die sie und ihren Freund zeigen. In einem liegt er nackt auf dem Küchentisch, während sie eine Papaya zubereitet, die seine Genitalien bedeckt. Sophia Narretts kunstvolle Stickarbeiten, die im Raum verteilt hängen, wirken wie freundliche Märchen aus lang vergangener Zeit, von nahem jedoch merkt man, dass sie Frauen in allen möglichen dunklen Sexfantasien zeigen.

Die Ausstellung wurde von Lissa Rivera, eine der Kuratorinnen des Museums, und Marina Garcia-Vasquez, Editor in Chief von VICE Medias Creators, konzipiert. VICE ist zudem Sponsor der Ausstellung.

Grundsätzlich ist MoSex offen, was die Bekanntgabe von Sponsoren angeht. Das ist natürlich keine Seltenheit für Museen, die regelmäßig Zuschüsse von Unternehmen erhalten, um Ausstellungen durchführen zu können. Doch für MoSex, das ein profitorientiertes Museum ist (der gemeinnützige Status wurde durch den New York State Board of Regents abgelehnt), sind solche Geschäftsbeziehungen von besonderer Bedeutung. Das Geld der Sponsoren und der Besucher, die 20 Dollar Eintritt zahlen, sorgt dafür, dass die Türen des Museums geöffnet bleiben können.

In der Zukunft will Becker weiterhin eng mit den Kuratoren des Museums zusammenarbeiten, also einschließlich Rivera und Gastkuratoren, um das Konzept Kunst-trifft-auf-Sex fortsetzen zu können. Im Oktober ist eine Retrospektive des japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki geplant, der für Fotografien seiner Frau, nackter Frauen in Seilen und von Blumen bekannt geworden ist.

Gemeinsam soll das Team durch nicht einfache Zeit der Renovierung führen. Die Ausstellungsräume befinden sich in unfertigem Zustand (die Galerie, in der »NSFW« beherbergt wird, ist sehr sichtbar unvollendet). Beckers Vision eines seriöser auftretenden Museum of Sex soll weitere, immer schönere Blüten treiben. Er hofft, dass die Veränderungen langsam aber sicher den Ruf des Museums verbessern werden.

»Ich sehe das langfristig. Man kann nur daran arbeiten und mit der Zeit hoffen, dass sich langsam etwas an der Art ändert, wie wir betrachtet werden«, sagt Becker. »Idealerweise wird jemand, der das Museum einst für eine Touristenfalle gehalten hat, die neuen Werbeanzeigen sehen, von den neuen Ausstellungen hören und verstehen, dass sich hier etwas wirklich Interessantes abspielt

Die Reaktion der Besucher auf das neue Programm des Museums ist überwiegend positiv. »Bisher reagieren alle Künstler, die wir um Mitwirkung anfragen sehr enthusiastisch«, so Becker. »Es fühlt sich alles noch sehr nach Graswurzelbewegung an.«

Becker blickt der Zukunft optimistisch entgegen. »Ich glaube, mit der Zeit wird es leichter«, die Besucher von der Ernsthaftigkeit des Museums zu überzeugen. »Vielleicht täusche ich mich, aber es scheint mir ein Thema, mit dem sich die Menschen beschäftigen wollen. Und sie sind glücklich, ein seriöses Forum dafür gefunden zu haben. Denn davon gibt es nicht sonderlich viele.«

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