Eine Kulturgeschichte der Onlinepornografie in China

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Trotz strengster Verbote erfreut sich Pornografie in China größter Beliebtheit. Wer diese immense Nachfrage zu bedienen versucht, geht dabei ein erhebliches Risiko ein. Die chinesischen Gesetze sehen hohe Gefängnisstrafen für das Verbreiten pornografischer Materialien vor. Sogar lebenslänglich kann verhängt werden.

Nun ist ein Verbot immer nur maximal so gut, wie die Möglichkeit, es auch durchzusetzen. Das Internet aber bietet findigen Suchern und Anbietern zahlreiche Wege, einander zu finden, so dass der Versuch der chinesischen Regierung der sogenannten “Verschmutzung des Geistes” Herr zu werden, immer nur zeitweise gelingen kann. Auch in China war und ist es also jederzeit möglich, Pornos zu sehen.

Das Hin und Her zwischen den Zensurbehörden auf der einen und den Anbietern und Kunden auf der anderen Seite hat zwar zu vielen Schließungen aber auch zu immer neuen Wegen geführt, auf denen pornografische Inhalte Verbreitung finden konnten. Das spöttisch »Intranet« genannte, stark zensierte Internet der Chinesen entwickelte sich somit in enger Abhängigkeit mit den kreativen Umgehungsversuchen. Zheping Huang hat sich für Quartz daran gemacht die Kulturgeschichte eines Katz-und-Mausspiels zu schreiben.

Die Ära der Pornoportale

Die disruptiven Kräfte im Pornogeschäft sind heutzutage die sogenannten Tube-Portale wie YouPorn, Pornhub und RedTube, über die Pornofilme ähnlich wie bei Youtube von Nutzern und Anbietern hochgeladen und von den Nutzern gratis angesehen werden könnten. Schon 2004 gab es solche Angebote in China. Einige dieser Seiten sind bis heute aktiv, der Großteil aber wurde in den Folgejahren geschlossen.

Diese Angebote waren weitestgehend werbefinanziert und ähnlich wie bei den inzwischen weit verbreiteten, wenngleich illegalen Streaming-Webseiten für Serien und Filme aus aller Welt im Westen mussten sich die chinesischen Nutzer zunächst durch zahlreiche Werbefenster klicken, bis sie in den Genuss von zumeist japanischen, amerikanischen oder lokalen Amateurpornos kamen. Die Server der Seiten befanden sich meistens in anderen Ländern, so dass die chinesischen Behörden keinen Zugriff hatten und lediglich die jeweiligen Webseiten sperren konnten. Da die Webseiten rasch ihre Namen und Adressen änderten, gerieten die Behörden zunächst ins Hintertreffen. Da sich viele Seiten jedoch auch direkt von ihren Kunden bezahlen ließen, indem sie Mitgliedschaften verkauften, konnten sie vielfach über die Nachverfolgung der Geldflüsse aufgespürt werden. Zu den prominentesten Fällen gehörte die Webseite »99 Erotica«. Sie konnte in weniger als einem Jahr mehr als 300.000 registrierte Benutzer verzeichnen. Bereits 2005 wurde den Mitarbeitern des Unternehmens der Prozess gemacht. Sie erhielten drei- bis zwölfjährige Gefängnisstrafen.
Lebenslänglich erhielt dagegen Chen Hui, der Gründer von »Erotica Juneday«. Im Nachfeld formte sich viel Kritik an den harschen Strafen, allerdings änderte dies die Einstellung der Kommunistischen Partei keineswegs.

Kuaibo

Als Alternative entstand 2007 ein Unternehmen mit Sitz in Shenzhen namens Kuaibo. Dieses bot einen Videoplayer zum Download, der in der Lage war, Filme und Serien jedweder Art zu streamen und Torrent-Dateien abzuspielen. Am häufigsten wurde die Seite jedoch für Pornofilme frequentiert. Angeblich wurde die Software bis 2012 300 Millionen Mal heruntergeladen. Bezieht man mit ein, dass China zu diesem Zeitpunkt gerade mal etwas mehr als eine halbe Milliarde Internetnutzer insgesamt hatte, war der Erfolg der Anwendung immens.

Die Büros des Unternehmens wurden im März 2014 durchsucht und die Geschäftstätigkeit musste eingestellt werden. Der Gründer und Leiter von Kuaibo, Wang Xin, wurde während eines live gestreamten Prozesses zu dreieinhalb Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe verurteilt. Die Staatsanwaltschaft wies Kuaibo nach, dass 70% des Angebots auf Kuaibo pornografische Inhalte waren. Da Wang Xin in seiner Verteidigung ein flammendes Plädoyer für die Meinungsfreiheit hielt, wurde er im Fortverlauf von vielen Bürgerrechtlern und Aktivisten gefeiert.

Caoliu

Anders erging es dem in den USA beheimateten Forum Caoliu, das 2006 gegründet wurde und bis heute aktiv ist. Das Angebot der Seite ist auf Chinesisch, es verfügt aber über keinerlei Büros oder Mitarbeiter in China, so dass das Unternehmen jeglichem Zugriff chinesischer Zensoren entzogen ist. Das Angebot finanziert sich ausschließlich über Werbung, und auch wenn die chinesischen Behörden den Zugang zu der Seite blockieren, kann dies durch einen VPN-Service umgangen werden. Dabei müssen chinesische Zuschauer allerdings vorsichtig sein, denn den Behörden ist es vielfach gelungen, VPN-Anbieter ausfindig zu machen und zu blockieren, bisher jedoch gelingt es immer noch Millionen von Chinesen Zugriff zu bekommen.

Da sich der Anbieter so lange gehalten hat, ist er für die chinesischen Porno-Fans zu einer Art Freiheitssymbol geworden. Das Symbol 1024 steht für die Webseite und ist als Synonym für »Dankeschön« unter vielen Veröffentlichungen und Shares pornografischer Inhalte zu finden.

Cloud-Dienste

Seit etwa 2012 teilen Nutzer ihre Pornofilme gerne auch über die Cloud-Angebote wie Google Drive und Dropbox. So geschah es auch mit dem viral gewordenen Amateur-Porno, der in einer Umkleidekabine einer Filiale des Einzelhändlers Uniqlo 2015 in Peking gedreht wurde. Während Dropbox und Google Drive in China inzwischen gesperrt sind, haben auch prominente chinesische Anbieter wie Alibaba Cloud-Angebote, die gleichsam für das Teilen pornografischer Inhalte genutzt werden.

2016 haben die chinesischen Behörden einen großen Versuch unternommen, um dem Problem Herr zu werden. Sie schlossen einige Cloud-Anbieter für Privatkunden und wiesen explizit darauf hin, dass über diese Dienste große Mengen pornografischer Inhalte verbreitet werden.

Die Cloud-Angebote von Baidu und Xunlei sind weiterhin aktiv, haben allerdings angekündigt, gegen pornografische Inhalte vorgehen zu wollen.

Livestreaming Apps

Bereits heute setzen Livestreaming-Angebote in China $4,3 Milliarden ährlich um. Und der Anteil pornografischer Angebote dürfte immens sein. Die überwiegend männlichen Kunden verfolgen dabei junge Frauen, wie sie vor der Kamera live singen und tanzen, lachen und spielen sowie essen und trinken. Die Nutzer bezahlen für virtuelle Geschenke, die sie den Darstellerinnen ihrer Wahl zukommen lassen können. Die Plattformen erhalten dafür einen Anteil am Umsatz.

Die Anbieter der Dienste sind gesetzlich verpflichtet, ihre Inhalte ständig zu überwachen. Das führt zu bisweilen etwas seltsam anmutenden Regeln. Manche Anbieter verbieten den Darstellern bestimmte Kleidungsstücke zu tragen, andere verbieten das erotische Essen von Bananen von der Kamera.

Die Behörden versuchen auch gegen die neuen Streaming-Angebote vorzugehen. So wurde kürzlich 40 Darstellerinnen verboten, live Videos zu streamen, da sie angeblich zu erotische Inhalte veröffentlichten. Allein 2017 wurden gegen zehn Livestreaming-Anbieter Ermittlungsverfahren angestrengt.

Zwar werden die Darstellerinnen nun vorsichtiger, aber eben auch kreativer im Umgang mit der Zensur. Einige zeigen bei den Streams kurz ihre Brüste und bitten interessierte Nutzer dann zu Messenger-Diensten mit Videofunktion wie WeChat zu wechseln. Gegen ein kleines Entgelt zeigen die Damen dann, was das Herz des Kunden begehrt.

So zeigt sich, dass Pornografie immer einen Weg zum Konsumenten findet und die Kreativität der Menschen insbesondere durch Sex beflügelt wird. Die Kulturgeschichte der Pornografie ist also immer auch ein Zeugnis menschlicher Willenskraft und Kreativität.

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