Pornoproduzenten für die Erhaltung der Netzneutralität

Samantha Cole berichtet für Motherboard: »Der Kampf um die Netzneutralität, das grundlegende Prinzip, dass alle Daten im Internet gleichbehandelt werden sollen, ist nicht nur deshalb wichtig, damit man die neuste Folge von Game of Thrones genauso einfach wie das neuste Pewdiepie-Video sehen kann. Für Unternehmen, die nicht im Mainstream schwimmen – wie beispielsweise die Unterhaltungsangebote der Pornoindustrie – könnte das Ende des offenen Internets schwerwiegende Folgen für Umsätze und Meinungsfreiheit haben.

»Ohne Netzneutralität haben die Netzanbieter, die den Zugang zum Internet kontrollieren, die unfaire Macht, die Gewinner und Verlierer im Markt auszuwählen«, so Corey Price, Vizepräsident von Pornhub, in einem Interview mit Motherboard anlässlich der Entscheidung seines Unternehmens gemeinsam mit über 60 anderen Unternehmen einen Tag des Protests gegen die vorgeschlagenen Änderungen zu unterstützen.

Weitere Unternehmen wie Kink.com, ManyVids und xHamster haben sich dem Protest ebenfalls angeschlossen. Wir haben uns daher mit einigen Vertretern der Branche unterhalten, weshalb sie die Netzneutralität – insbesondere für die Onlinepornografie – für unverzichtbar halten.

»Vor 15 Jahren noch war es sehr schwierig, qualitativ hochwertige Fetischinhalte zu finden«, so Mike Stabile, ein Sprecher der BDSM-Seite Kink.com. »Wir sind massiv durch Einschränkungen von Seiten der Distributoren und Zahlungsabwickler und bei der Bandbreite behindert worden. Die zunehmende Geschwindigkeit bei der Datenübertragung bedeutet, dass viel mehr Menschen Zugang haben und unseren Inhalt erreichen können, so dass sie sich nicht länger einsam schämen müssen. Wenn Teile des Internets abgebremst werden, sagt das den Menschen, dass manche Ideen, sexuelle Spielarten und Identitäten zweitklassig sind, und schon wäre die Scham wieder da. Das Internet würde einfach wahnsinnig einförmig.«

Stabile sagt, dass Kink auch als größter Anbieter für BDSM-Inhalte weltweit nicht über die Umsätze verfügt, um im Wettbewerb um Bandbreite mit YouTube oder Netflix bestehen zu können, und dass er daran zweifelt, dass Internetprovider den Datenverkehr von Kink.com bevorzugen würden. Das bedeutet nicht, dass mit dem Verlust der Netzneutralität pornografische Inhalte vollständig verschwinden würden, dass sich aber seiner Meinung nach der Schwerpunkt von Videos zu Fotos und Gifs verlagern würde.

Alex Hawkins, Sprecher von xHamster, sagt, dass als auf Nutzerinhalten basierendes Unternehmen, bei dem der Großteil der Inhalte von Privatpersonen stammt, eine Abbremsung der Netzgeschwindigkeit »katastrophale Auswirkungen« auf Nutzer hätte, die versuchen, ihre Inhalte hochzuladen, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.

»Als internationales Unternehmen sehen wir jeden Tag, wie restriktive Regierungen über Regularien wie das Ausbremsen des Datenverkehrs nicht nur den Zugang zu Pornografie, sondern auch zu politischen Inhalten zu unterdrücken versuchen«, so Hawkins im Interview. »Was die Leute oft übersehen – und das gilt insbesondere für die USA und in Westeuropa – ist, dass sexuelle Äußerungen politische Äußerungen sind. Die gleichen Regierungen, die den Zugang zu Inhalten für Erwachsene beschränken, sind auch jene, die freie sexuelle Äußerungen, LGBTQ-Rechte, Frauenrechte und Zugang zu alternativen Ideen unterdrücken.«

»Selbst in den USA gilt, dass die gleichen Politiker, die gegen pornografische Inhalte vorgehen, auch jene sind, die eine eingeschränkte, hetero-normative Version von Sexualität propagieren. Wir machen die nervös.«

Hawkins sagt, dass xHamster Millionen von Zugriffe aus dem Iran, Saudi-Arabien und Malaysia verzeichne, wo Pornografie fast vollständig verboten ist. Wo es aber Bedarf gibt, findet Pornografie immer einen Weg, doch für jeden, der die Schranken überwindet, gibt es Tausende, die es nicht schaffen.

»Die Netzneutralität auszuhebeln, wäre der erste Schritt, die USA an konservativere Regime anzunähern, und das gilt nicht nur für Pornografie, sondern auch für Vorstellungen über Sexualität an sich«, so Hawkins.

Die Geschäftsführer der Pornoclip-Seite ManyVids, Sed Dehan und Anthony Moretti glauben, dass es darum ginge, Inhalteanbieter erfolgreich sein zu lassen und ihnen die Freiheit zu geben, Grenzen zu verschieben und Tabus zu brechen. Den Schutz der Netzneutralität aufzuweichen, wie es der Vorschlag der FCC ist, würde die Mündigkeit der Nutzer beenden und eine Reihe von Fetischen und Geschmacksrichtungen der Willkür der Serviceprovider aussetzen, die dann entscheiden könnten, was wertvolle Inhalte sind und was nicht.
»Menschen mit exotischen Fetischen fühlen sich ohnehin bereits, als müssten sie sich verstecken, sie empfinden sich als außerhalb der Norm«, so Dehan und Moretti in einer gemeinsamen Erklärung. »Wir möchten einen Ort schaffen, der all diese Individuen willkommen heißt, so dass sie merken, dass sie nicht alleine sind. Dass es andere gibt, die das mit ihnen feiern.«
Das würde für Unternehmen wie ManyVids aber bedeutend schwerer, wenn nicht mehr alle Daten im Internet gleich behandelt würde, so Dehan und Moretti. »Die Pornoindustrie würde sehr einförmig und langweilig ohne Netzneutralität.«

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