Wie das Internet die Pornografie demokratisiert hat

Unsere Meinungen und Geschmacksempfindungen sind durch unseren Medienkonsum stark beeinflusst: das ist bekannt. Doch auch wenn es einfach ist, darüber zu sprechen, wenn das Thema familienfreundlich ist, ist dies bei der gesellschaftlich immer noch stigmatisierten Pornografie etwas anderes. Wir beschäftigen uns mit ihr nur auf simplifizierte Weise. Pornografie ist dann entweder “gut” oder “böse”: entweder ein magisches Werkzeug der Emanzipation oder ein destruktives Element für die Gesellschaft. Viele “Pro-Porno”-Aktivisten scheuen sich vor einer ausgewogenen Kritik, da sie fürchten, dass sie zu Zensur führen könnte. “Por-NO”-Aktivisten hingegen sind überzeugt, dass Pornografie qua Definition schlecht ist und müssen sich daher nicht eingehender mit den Details des Themas auseinandersetzen. Ein kurzer Blick auf die Mainstream-Tube-Seiten, die Clips von Fremdinhalten sammeln, genügt ihnen, um ihre negative Einstellung zu bestärken.

Wenn wir über den Einfluss von Pornos reden, dann denken wir zumeist an irgendeine Form von Video – Hardcore Sexszenen mit meistens dünnen, rasierten Frauen und gesichtslosen Männern: Pornos mit Frauen für Männer. Diese Art Pornografie wird für alles Mögliche verantwortlich gemacht, von der Pornifizierung der Popmusik bis zu Veränderungen im Sexualverhalten der Menschen. Letztes Jahr hat die britische Regierung einen Kommentar veröffentlicht, der nahelegte, dass Pornografie für die Zunahme von Analsex unter jungen Menschen verantwortlich ist. Zwar hat Cicely Marston, die Forscherin, auf deren Studien der Text des Kommentars beruht, klar hervorgehoben, dass es keinen klaren Zusammenhang gibt, dennoch löste der Vorgang eine breite Debatte über den Einfluss der Pornografie aus. Doch indem wir solche Diskussionen führen, haben wir bereits verloren – da wir eine Definition von Pornografie akzeptieren, die nicht von unseren Wünschen, sondern von den führenden Branchenvertretern vorgegeben wird.

An jedem beliebigen Tag erhält die Seite PornHub zwischen vier und fünf Millionen Besucher aus Großbritannien. Viele Millionen mehr besuchen YouPorn, Tube8, Redtube und ähnliche Seiten. Es ist also klar, dass sie einflussreich sind. Weniger klar dürfte sein, dass sie keine neutralen Aggregatoren sind: sie spiegeln nicht nur unsere Interessen, sie gestalten mit, was wir denken und wie wir leben. Man kann das in vermeintlich einfachen redaktionellen Entscheidungen wie die Namensvergabe für Kategorien erkennen: PornoHub bietet 14 Kategorien, einschließlich Anal, Threesome und Milf (“Mum I’d like to fuck”), “For Women” ist dabei eine eigene Kategorie. Die Grundannahme von Mainstreamseiten ist also, dass ihr Publikum heterosexuell und männlich ist, dass “Point of View”-Pornografie synonym mit der Vorstellung ist, dass ein Mann “steht und heruntersieht, wie er einen Blowjob bekommt”. Tropen, die den Alltag erobert haben, so zum Beispiel zwischen den Beinen rasierte Frauen, sind hier in der Überzahl.

Neben Kategorien und Tags entscheiden Tube-Seiten auch, was man ganz oben in den Suchergebnissen und auf der Einstiegsseite zu sehen bekommt. Somit neigen die Videos auf den Einstiegsseiten zu Extremen, da diese die meisten Klickzahlen verheißen: der größte Gangbang aller Zeiten. Das verdorbenste Luder. Die geilste Milf. Pornos zu finden, die nicht in diese Kategorie passen, erfordert einen größeren Suchaufwand. Das machen natürlich die wenigsten, weshalb Clickbait dann häufiger beworben wird, was wiederum beeinflusst, worauf wir beim nächsten Mal klicken. Ist es da verwunderlich, dass wir mit einer so engen Definition von Pornografie dastehen? In Wirklichkeit reflektiert die Einstiegsseite von PornHub unsere Begierden ungefähr so präzise wie die Gala das Seelenleben von Kim Kardashian.

Vielleicht brauchen wir einfach etwas mehr Wettbewerb? Alle zuvor genannten Seiten gehören dem gleichen Unternehmen – MindGeek. Neben Porno-Tube-Seiten hält MindGeek Anteile an anderen Pornowebseiten und Pornoproduzenten: Brazzers, Digital Playground, Twistys, PornMD und viele mehr. Selbst Tube-Seiten wie Xhamster, die nicht zu MindGeek gehören, folgen in der Regel dem gleichen Modell: viel kostenlose Inhalte in Kombination mit Algorithmen, die im wesentlichen auf maximale Seitenaufrufe abzielen, also Hardcore Clickbait betreiben.

Da Pornografie verstärkt von diesen Seiten definiert wird, haben Versuche, sich gegen den Trend zu stemmen, den gegenteiligen Effekt. Beispielsweise zielt die Digital Economy Bill der britischen Regierung darauf ab, den Einfluss von Pornografie auf junge Menschen zu reduzieren, indem sie Pornoseiten dazu verpflichtet, Altersüberprüfungen durchzuführen. Dies aber führt dazu, dass größere Unternehmen noch mehr Einfluss bekommen. Die großen Marktteilnehmer verfügen über die entsprechenden Ressourcen, um Altersüberprüfungen relativ einfach durchzuführen und können die Gesetze sogar dazu nutzen, den Markt noch tiefer zu durchdringen. MindGeek arbeitet bereits an Software zur Altersüberprüfung, die an andere Webseiten lizenziert werden kann. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass durch das Inkrafttreten des neuen Gesetzes kleinere Pornoproduzenten entweder aufgeben müssen oder die Softwarelizenz zur Altersprüfung von den größeren Marktteilnehmern kaufen müssen.

Es gibt allerdings auch Hoffnungsschimmer für Pornokonsumenten. Tube-Seiten dominieren vielleicht die Suchergebnisse, doch das Internet hat auch bei der Revolution der Produktion von Pornos geholfen. Aufstrebende Pornoproduzenten und Darsteller sind nicht länger auf einen Studiovertrag angewiesen – alles, was es braucht, ist eine Kamera und eine Plattform, auf der man seine Inhalte verbreiten kann. Die Plattform kann auch eine eigene Webseite, ein Cam-Angebot oder etwas so einfaches wie Snapchat sein.

Die Demokratisierung von Pornografie hat positive Resultate hervorgebracht. Auf Cam-Seiten gibt es mehr Vielfalt, was Körperbilder, sexuelle Spielarten und sogar Schamhaarfrisuren angeht als auf PornHub. Lust spielt ebenfalls eine immer größere Rolle. Eines der meistgespielten “Spiele” auf der Webcamseite Chaturbate ist es, Sextoys mit der Webseite zu verbinden und die Nutzer versuchen zu lassen, dem Darsteller einen Orgasmus zu verschaffen. Ein erheblicher Unterschied hierbei ist, dass die Darsteller ohne ein Studio selbst bestimmen können, wo ihre Grenzen liegen.

Kelly Pierce, eine Darstellerin, die inzwischen hauptsächlich im Cam-Bereich arbeitet, hat mir gesagt, dass einer der größten Vorteile an der unabhängigen Arbeit das Gefühl von Sicherheit sei. “Solange Du Zeit investierst, weißt Du, dass Du damit Geld verdienst”, sagt sie. “Man verliert keine Zeit mehr damit, nach Filmrollen anzustehen, sondern arbeitet auf monetäre Vorteile hin.” Sie empfinde dabei eine größere Freiheit: “Du bist niemandem Rechenschaft schuldig als Dir selbst – und natürlich Deinen Fans. Bisweilen wird es politisch kompliziert, wenn Du für jemand anderen als Dich selbst arbeitest.”

Cam-Seiten sind ebenfalls ein großes Geschäft. Der nächste logische Schritt beim Aufbrechen der Machtstrukturen ist, dass die Darsteller eigene Distributionsplattformen entwickeln. Leider ist es jedoch so, dass ganz gleich, wie wohlmeinend Dein Indie-Porno-Projekt auch sein mag, dieses durch das Label “Porno” mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt ist. Mainstream-Bezahlsysteme arbeiten nicht mit Pornounternehmen zusammen, und die Spezialanbieter sichern sich einen großen Anteil am Umsatz. Die großen Werbenetzwerke meiden Pornografie, so dass die einzige Werbeoption die Kooperation mit einem Porno-Netzwerk ist, das mit hoher Wahrscheinlichkeit einem großen Pornounternehmen gehört, das Deine Seite mit Gifs von hüpfenden Titten und heißen Milfs “in Deiner Region” zupflastern wird: also genau das, wogegen Du Dich eigentlich aufbäumen wolltest. Jene, die versuchen, den großen Pornounternehmen den Kampf anzusagen, müssen also nicht nur verändern, was wir als Publikum sehen möchten, sondern auch die Vorstellungen in unseren Köpfen davon, was Pornografie eigentlich ist.

Das Internet hat der Pornobranche immens geholfen – es führte zu günstigeren Produktions- und Distributionsbedingungen, schuf das Potential für eine größere Vielfalt und gab der Branche immensen Einfluss, den man nicht abstreiten kann. Doch in dem Versagen, die Branche korrekt zu analysieren, akzeptieren wir jene Definition von Pornografie, die durch die großen Marktteilnehmer vorgegeben wird.

Girl on the Net schreibt einen der beliebtesten Sexblogs Großbritanniens: girlonthenet.com

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