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Bunny-Dildos und Massagekerzen: Wie Beate Uhse mehr Frauen anlocken will

Durch die Glastür huscht ein Mann auf die Sex-Videokabinen zu, sein graumeliertes Haar ist nach hinten gegelt, Jacke und Hose dunkelblau, dann verschwindet er hinter dem schwarzen Vorhang. Inmitten eines Gewerbegebiets in Hamburg-Niendorf befindet sich das "Beate Uhse Fun Center", einer der letzten Sexshops mit Videokabinen. Ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

beate uhse

Kaum ein Unternehmen hat die Erotikbranche so geprägt wie Beate Uhse. Jahrzehntelang befriedigte die Erotikkette die Bedürfnisse von Millionen Männern – und machte Unternehmensgründerin Beate Uhse zu einer der einflussreichsten deutschen Frauen.

Heute geht es dem Unternehmen nicht mehr so gut: Im vergangenen Jahr machte Beate Uhse 18,4 Millionen Euro Verlust. Im Juli musste der Konzern die fällige Zinszahlung einer Anleihe über 30 Millionen Euro aufschieben. („Handelsblatt„) Gerade noch konnte die Zahlung an die Anleger geleistet werden. (Beate Uhse)

Seit gut einem Jahr hat das Unternehmen eine neue Deutschlandchefin: die 35-jährige Nicola Schumann. Ihr Ziel: das Schmuddelimage loswerden und das Unternehmen zu neuem Erfolg zu führen. Und interessanter zu werden für Frauen, denn bisher waren bis zu 70 Prozent der Kunden männlich.

Kann das gelingen? In einer Zeit, in der YouPorn das Netz mit kostenlosen Sexfilmen flutet? In der neue Onlineshops sich darauf spezialisiert haben, stilvoll die Bedürfnisse von Frauen zu befriedigen?

Dabei wollte Beate Uhse, gelernte Kunstflug-Pilotin, einst vor allem Frauen erreichen: Mit damals 26 Jahren verfasste sie 1946 einen Leitfaden zur Empfängnisverhütung: die „Schrift X“. Bis 1947 verkaufte er sich 32.000-mal.Der Erfolg verschaffte Beate Uhse nicht nur das nötige Startkapital für ihr 1951 gegründetes „Spezial-Versandhaus für Ehe- und Sexualliteratur und für hygienische Artikel“, sondern bereitete den Weg für einen neuen Markt: die Erotikbranche.

Bald folgte der erste Katalog: „Stimmt in unserer Ehe alles?“, der Kondome, Aufklärungsliteratur und Anregungsmittel anbot. Erotik auf Bestellung – das war nicht nur neu, sondern auch der Weg zu einer offeneren und freieren Gesellschaft. (SPIEGEL ONLINE)

Mit dem 1962 in Flensburg eröffnetem „Fachgeschäft für Ehehygiene“, dem ersten Sexshop der Welt, leitete Beate Uhse eine neue Ära ein. Nach kurzer Zeit hatte das Unternehmen bereits fünf Millionen Kunden, nach noch nicht einmal zehn Jahren eröffneten 24 weitere Geschäfte, hinzu kamen zwölf eigene „Blue Movie“-Kinos, Videokabinen in Bahnhofsvierteln.Das gefiel selbstverständlich nicht jedem: Mehr als 2000 Ermittlungsverfahren wurden gegen Beate Uhse eingeleitet. Der Volkswartbund und etliche Bürger beanstandeten, dass die Sexartikel und Filialen „der unnatürlichen, gegen Zucht und Sitte verstoßenden Aufpeitschung und Befriedigung geschlechtlicher Reize“ dienten.

Rund 700-mal stand Beate Uhse vor Gericht, verurteilt wurde sie jedoch nur ein einziges Mal: Sie hatte in eines ihrer Kinos Bier für weniger als den gesetzlichen Mindestpreis verkauft. („Die Zeit„)

Von den goldenen Jahren der Beate Uhse scheint heute wenig übrig: 1999 ging das Unternehmen an die Börse und wurde zur Beate Uhse AG. Mit 28,20 Euro erreichte die Aktie damals ihren Höchstkurs, 2011 stand sie nur noch bei 0,27 Euro. Lediglich unter Sammlern ist die gedruckte Aktienurkunde wegen der Abbildung zweier fast nackter Frauen begehrt. (Wikipedia) Der legendäre Versandkatalog wurde im Februar vergangenen Jahres eingestellt. Immer mehr Filialen schließen und 150 von knapp 600 Stellen wurden gestrichen. (NDR)

Warum auch sollte sich heute noch jemand in ein Sexkino setzen oder sich Pornos kaufen, wenn es YouPorn und Pornhub gibt? Und während sich frei erhältliche Sexfilme im Web verbreiten, mehren sich zugleich Online-Sexshops wie Amorelie, Eis oder Fräulein Spitz – speziell auf Frauen ausgerichtet. Im Gegensatz zur Konkurrenz muss Beate Uhse digital nachrüsten und einen Image-Wandel vollziehen, nicht ganz leicht bei einem Unternehmen, das so bekannt ist.

Bereits 2008 begann das Unternehmen, seine Videokabinen abzuschaffen. Zwielichtige Sexshops mit ihren Hardcorepornos und Gummiknüppeln sollen sich in schicke Boutiquen wandeln, die niedliche Dildos im „Bunnylook“ anbieten, mit Massagekerzen, Liebesspielzeug und Dessous.Damit folgt das Unternehmen dem Vorbild der Konkurrenz – und noch mehr. Denn im Gegensatz zu Amorelie und Co. gibt es bei Beate Uhse online auch weniger erotische Gegenstände zu kaufen: von der bunten Badematte über Diätpillen bis hin zum Bauchmuskel-Stimulationsgerät. Doch was hat das mit Sex zu tun?

„Sexualität ist in eine Leistungs- und Optimierungslogik geraten“, sagt Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender-Studies an der Uni München. Fotos bei Instagram, Facebook und in Frauenmagazinen geben vor, wie man auszusehen hat. „Gemessen an diesen Bildern können wir eigentlich nur scheitern.“ Aufregender, experimentierfreudiger, ausgefallener, besser soll der Sex sein.

Dabei orientieren sich manche Bilder im Netz noch stark an den alten Geschlechterklischees: Da leben Männer ihre Sexualität oft dominant, aggressiv und aktiv aus, während Frauen sich devot, sanft und passiv geben. „Das sind sehr wirkmächtige Klischees“, sagt Villa. Die aber offenbar nicht unbedingt den wahren Bedürfnissen der Kunden und Kundinnen entsprechen.“Jahrzehntelang lag der Fokus einzig auf den Männern als Zielgruppe für Erotik und Sexprodukte“, sagt Deutschlandchefin Nicola Schumann. Bei Beate Uhse ist seit 2013 nicht einmal mehr das Logo Hardcore: Die roten, derben Letter wichen einer pinkfarbenen Schnörkelschrift, mit einem Herzchen zwischen Beate und Uhse.

Damit folgt das Unternehmen einem gesellschaftlichen Trend: Auch Frauen verlangen mehr und mehr nach einem lustvollen Sexleben – und sprechen offen darüber, was sie wollen. Spätestens seit „Sex and the City“ gehört Promiskuität zum Lifestyle, seit „50 Shades of Grey“ wird diese mit einer Lederpeitsche gelebt und seit Lena Dunhams „Girls“ kennt die Welt auch das Sexleben junger Frauen ziemlich gut.

Was einst mit den Frauen begann, soll nun mit ihnen enden. „Bunnylook“-Dildos und Diätpillen sollen dabei helfen. Genau wie die „Anniversary Box“ zum 70. Unternehmensgeburtstag, darin silberne Handschellen, „Paar-Toys“ und eine duftende Massagekerze. Das alles kommt allerdings wenig revolutionär daher.

Was Beate Uhse, verstorben im Jahr 2001, heute wohl dazu sagen würde?

Vor 70 Jahren ging es ihr schließlich um die Aufklärung der Frauen, später um gleichberechtigte Sexualität, sie war Geschäftsfrau und Wegbereiterin zugleich. Gut vorstellbar also, dass Beate Uhse als „Mutter Courage des Tabubruchs“ ganz andere Ideen hätte, mit denen sie die Gesellschaft aufschrecken und einen neuen Umbruch einleiten würde.

Lust auf mehr Sex? Dann hätten wir noch dieses Quiz im Angebot: Carrie Bradshaw oder Sigmund Freud: Wer hat’s gesagt?

 

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