Dieses Plakat an der Landsberger Allee geht in der Wortwahl zu weit

Der Verein „Jugend gegen Aids“ will jungen Mädchen helfen, die sich wegen ihrer Anatomie schämen. Dabei geht das Gefühl dafür verloren, was man in der Öffentlichkeit sagen kann und was nicht.

Direkt an der Landsberger Allee, gegenüber dem S-Bahnhof, steht eine besonders große Werbetafel. Sie ist sehr hoch und auffällig und nachts beleuchtet.

Das aktuelle Plakat auf dieser Werbetafel zeigt zwei gut aussehende junge Frauen, eine mit dunkler und eine mit heller Hautfarbe und trägt die Überschrift: „Sehen alle Muschis gleich aus?“

Darunter ist folgender Text zu lesen, gedruckt in sehr großen blauen Buchstaben: „Barbie-Muschi wie im Porno? Das ist nicht real! Jede Muschi ist schön. Do what you want.“

Als Absender des Plakats zeichnet der Verein „Jugend gegen Aids“. Ich fragte Anna Konopka aus dem Vereinsvorstand, was uns dieses Plakat sagen will. Sie antwortete: „Viele Mädchen schämen sich für das Aussehen ihrer Vagina.“ Und zwar deshalb, weil ihnen „ein verfälschtes Bild von Schönheit“ vermittelt werde. „Das wollen wir geraderücken.“

Also ein ehrenwertes Anliegen. Ob sie die Wortwahl auf dem Plakat angemessen für ein Plakat halte, das sehr groß in der Öffentlichkeit steht, fragte ich Anna Konopka. Antwort: „Wir sprechen auf Augenhöhe mit unserer Generation – und die versteht die Message.“

Das mag schon sein, doch gehen an dem Plakat ja auch noch andere Generationen vorbei. Es ist so groß und auffällig, dass man es lesen muss, man kann den Blick nur mit Mühe abwenden. Und was die junge Generation betrifft, die hier auf Augenhöhe angesprochen werden soll, so bin ich mir nicht sicher, ob diese Wortwahl bei allen gut ankommt.

Und wie sollen sich Eltern verhalten, die mit ihren Kindern an dem Plakat vorübergehen? Kinder stellen gerne viele Fragen. Sollen die Eltern mit ihnen darüber diskutieren, ob die „Barbie-Muschi wie im Porno“ real ist oder nicht?

Den Mitgliedern des Vereins „Jugend gegen Aids“ scheint das Gefühl dafür abhanden gekommen zu sein, was man in der Öffentlichkeit sagt und was nicht. Wie man sich ausdrückt. Es gibt ja schließlich auch ein Schamgefühl bei den Leuten.

Nicht alles, was man im privaten Rahmen anschaulich beschreibt, kann man genauso vor größerem Publikum sagen und schon gar nicht auf ein Plakat drucken. Die Begriffe aus der Umgangssprache, die an der Landsberger Allee zu sehen sind, können als respektlos oder schamlos oder zudringlich empfunden werden. Darauf sollten auch die Kämpfer gegen Aids Rücksicht nehmen.

Es ist ein Verfall der Sprache. Der sticht überall ins Auge. An einer Litfaßsäule las ich: „Knack-Arsch-Scheck: Wir machen dich fit.“ Und eine neue Ausstellung auf der Burg Storkow trägt den Titel „Drauf geschissen. Stille Örtchen von der Antike bis heute.“

Wie soll das weitergehen? Wie weit steigen wir noch hinab? Gewählte Sprache und gepflegte Ausdrucksform sind große Leistungen der Zivilisation, errungen in Jahrhunderten.

Durch das fortwährende Brechen von Tabus, das zum Sport geworden ist, wird diese Errungenschaft beschädigt und wir kehren zurück in verrohte Zeiten.

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