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Mittwoch, Juli 18, 2018
Standpunkte: Falschannahmen und Vorurteile gegenüber Pornografie und Camsex

Standpunkte: Falschannahmen und Vorurteile gegenüber Pornografie und Camsex

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Zwei sehr interessante, sexpositive Meinungsartikel, die die Sexindustrie vehement verteidigen, wurden kürzlich veröffentlicht und haben breite Verbreitung gefunden.

Der erste stammt von Mia Saldarriaga, ein bekanntes Cammodel und COO des kolumbianischen Cam-Unternehmens JuanBustos.com. Darin argumentiert sie gegen den Fokus der Mainstreammedien auf den Vergleich von Cammodels mit Prostituierten und behauptet, dass durch die Cam-Branche eine kulturelle Revolution stattgefunden habe. Der zweite Artikel erschien in der New York Times und wurde von Lux Alptraum verfasst, dem Betreiber des einflussreichen Pornoblogs Fleshbot und handelt davon was Amerikaner bei Pornografie alles falsch verstehen.

Saldarriaga: »Camming als Kulturrevolution«

Die Webcam-Legende und COO des Cam-Unternehmens JuanBustos.com, Mia Saldarriaga, argumentiert, dass die Berichterstattung der Mainstreammedien schon zu lange darauf abziele, den Beruf des Cammodels mit Prostitution gleichzusetzen. Diese aber habe keinerlei Verbindung mit dem Camgeschäft. Saldarriaga betont den fundamentalen Unterschied zwischen Prostitution, etwaige Ausnutzung von Sexarbeitern und Sexcam-Geschäft.

Sie betont, dass sie selbst in ihrer Karriere auf jeder Ebene der Cambranche gearbeitet habe und stemmt sich vehement gegen Falschannahmen: »Es ist intellektuell faul, Webmodels als ‘ausgebeutet’ darzustellen, nur weil es den Click-Bait-Trends der eigenen News-Webseite entspricht, ohne die Realität zu verstehen, die männliche und weibliche Models Tag für Tag in ihrem Beruf erleben.« In der Tat haben Tausende von Models überall auf der Welt ein einträgliches Einkommen aus ihrem eigenen Geschäft in einer sicheren Umgebung, viele davon sogar in der angenehmen Atmosphäre ihrer eigenen Wohnung.

Jedwede Idee in Richtung Ausbeutung weist sie entschieden zurück: »In Wahrheit stimmt eher das genaue Gegenteil. In nahezu jedem Fall ist es so, dass das Model die Gesellschaft nutzt, es profitiert von den Hemmungen, von den Stigmata und den sozialen Tabus, die die Gesellschaft aufrecht erhält. Das ist die seltsame Ironie, wenn man ein erfolgreiches Cammodel ist. Auf der einen Seite würde man es vorziehen, von der Gesellschaft als produktives Mitglied, das Steuern zahlt, seine Familie ernährt und anderen Freude bringt, anerkannt zu werden, auf der anderen Seite aber ist es genau dieses Defizit an Akzeptanz, was die an sich gewöhnliche Aktivität des Sex, die wir alle schon mehrfach erlebt haben, in lukrative Einkommensquellen auf globaler Ebene verwandelt.«

Saldarriaga hebt hervor, dass die Darsteller allesamt Unternehmer sind: »Die haben Zugang zu allen Hebeln; sie machen die Show, sie erstreiten sich ein treues Publikum und sind Streiter für eine bessere, sexpositive Gesellschaft, indem sie die Gesellschaft Zuschauer für Zuschauer aufklären.«

Die Cam-Legende argumentiert weiter, dass sogar Minderheiten von der boomenden Cam-Branche profitieren. Sie glaubt, dass die Normalisierung von Fetischen und LGBTQ-Lifestyles durch die unterschiedlichen Angebote der Cam-Seite Unterstützung erfahren hat. »Wenn ein Zuschauer ein Cam-Model trifft, das trans ist, oder in einen schwulen Chatroom gerät und dabei bemerkt, dass die Leute nett sind oder dass sie gar nicht so unterschiedlich sind oder dass homosexuelle Tendenzen und Trans-Identitäten ganz natürlich sind – dann ist niemand mehr allein.«

Lux Alptraum: »Gesellschaftliche Missverständnisse über Pornografie«

Lux Alptraum, der langjährige Chefredakteur des einflussreichen Pornoblogs Fleshbot, hat einen Artikel in der New York Times veröffentlicht, in dem er erklärt, was Amerikaner an der Pornografie immer noch vollkommen missverstehen. Nach vielen Jahren mitten im Zentrum der Welt der Onlinepornographie ist Alptraum schockiert darüber, wie schlecht informiert der öffentliche Diskurs immer noch zu sein scheint – insbesondere, wenn man miteinbezieht, dass die Abrufzahlen der Sexseiten nahelegen, dass nahezu jeder Teilnehmer an diesem Diskurs die Realität als Konsument von Pornoinhalten kennen müsste.

»In den 10 Jahren seit meinem ersten Beitrag für Fleshbot ist Internetpornografie immer beliebter geworden. Doch selbst nun, da Pornokomsum eine alltägliche Gewohnheit ist, behandeln wir es immer noch als etwas Exotisches und inhärent Schädliches für Gesundheit und Lebensglück«, so Alptraum.

Lux Alptraum betont, dass die Argumente der Mainstreammedien die Gleichen seien, wie sie schon seit Jahrzehnten immer wiederholt werden. »Journalisten scheinen überzeugt davon, dass, wann immer sie einer extremen Form der Pornografie begegnen, dass diese Spielart besonders häufig sei, und dass jeder, der Pornos konsumiere, darüber stolpern wird; zweitens glauben sie, dass Pornos unsere sexuellen Präferenzen verändern würden und zwar oftmals auf schädliche und angsteinflößende Weise; und natürlich glauben sie, dass Pornografie Kindern ungesunde Vorstellungen über Sex vermittle.«

Alptraum weiß, dass viele Menschen annehmen, dass Pornos süchtig machen und Menschen verändern würden. Er pocht jedoch darauf, dass es »keinerlei Hinweis für diese Vermutung« gäbe. Er begegnet diesen lang etablierten Ängsten mit Zahlen: »PornHub, die beliebteste Pornoseite im Netz, gibt an, dass die durchschnittlich auf der Seite verbrachte Zeit nicht einmal 10 Minuten betrage — das ist nicht mal die Hälfte der Dauer einer Standardszene in Pornofilmen. 10 Minuten sind nicht genug Zeit, um in die Untiefen des Videoangebots von PornHubs zu versinken oder auch nur kursorisch unbekannte Genres und Sexstellungen zu erforschen. Auf der anderen Seite ist das genau ausreichend Zeit, um auf die Seite zu kommen, ein Video zu finden, das mit seit langem bestehenden Präferenzen übereinstimmt, die besten Stellen zu genießen und sich dann wieder anderen Dingen zu widmen.«

Lesen Sie die Artikel in ganzer Länge:

Mia Saldarriaga, Ethical Camming Inspires A Cultural Revolution

Lux Alptraum, What Americans Get Wrong About Porn

 

 

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