GQ porträtiert 9 männliche Pornostars

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In einer groß angelegten Reportage porträtiert das Männermagazin GQ neun männliche Pornostars und geht der Frage nach, wie es sich heutzutage als Mann in der Pornobranche lebt. Wie sind die Arbeitsbedingungen, welche Einkommensströme gibt es? Wie gehen Männer in der Branche mit der zunehmenden Sensibilität zum Thema Einvernehmlichkeit und Consent um? Wie sind Gendervorstellungen? Aber auch stereotype Alltime-Klassiker wie: Welche Auswirkungen hat die Arbeit auf die Psyche? Wie ist das Beziehungs- und Familienleben? Bekommt man Erektionsstörungen? Eine unausgewogene und dennoch spannende Reportage.

Michael Vegas: Hipster-Pornostar mit analen Vorlieben
Seit die Tubseiten das traditionelle Studiogeschäft im Grunde zerstört haben, hat sich ein buntes Universum aus Clip- und Fanseiten entwickelt, auf denen tausende von Darstellern ihre Inhalte direkt an Endkunden verkaufen und eigene Follower aufbauen. Die Nähe zum Fan zahlt sich aus. Auch für männliche Darsteller. Auf Seiten wie ManyVids, Clips4Sale, Kinkbomb, iWantClips, OnlyFans und Modelcentro können die Darsteller den größten Teil der Umsätze mit ihren Inhalten für sich behalten. Die meisten Seitenbetreiber nehmen 20-30%, der Rest geht direkt an den Darsteller. Wer wie Vegas noch zusätzlich ein Bein im alten Studio- und Starsystem hat, kann bisweilen doppelt verdienen und das beste aus beiden Welten vereinen.
Die neue Unabhängigkeit von den Studios bringt nicht nur mehr Gestaltungsfreiraum und persönliche Kreativität, sondern auch ein neues Selbstbewusstsein mit sich. Im Interview mit GQ sagt Vegas: »Typen enden nicht einfach im Pornogeschäft. Es ist im Gegenteil recht schwer, darin zu reüssieren.«
Vegas ist ein Spezialist für Pegging. Seine eigene Seite heißt PegHim.com. Mit anderen Worten ist Vegas dafür bekannt, sich von seinen Drehpartnerinnen mit Umschnalldildos anal penetrieren zu lassen. »Viel zu viele Arschlöcher sind unterdrückt. Es gibt zu viel Scham bei dem Thema. Ich versuche es zu normalisieren, dass Männer es von hinten bekommen, so dass die Menschen einfach darüber reden können. Es gibt so viele Männer, die wollen, dass man ihr Arschloch berührt oder ihren Hintern verwöhnt. Es gehört zu ihrem Körper, sie mögen es, und sie wollen, dass andere es auch mögen.«

Teil des Lebens als Pornostar sind Routinen, auch Formulare. Altersnachweise, Gesundheitszeugnisse, Verträge. Vorgespräche über die Szenen. Einverständniserklärungen. Wer ohne Studiosystem und Agent auf eigene Kappe arbeitet, muss sich in all dies einarbeiten und selbst dafür sorgen. Dies führt aber auch zu Allround-Wissen und vielseitig geschulten Darstellern, die sich selbst vertreten können.

Tommy Pistol: Der raubeinige Gentleman

Tommy Pistol gehört zu den wohl bekanntesten Pornostars seiner Generation. Vielfach ausgezeichnet präsentiert er sich bereits als eine Art schmutziger, rauer Gentleman seines Fachs. Er macht keinen Hehl daraus, dass er seinen Beruf als gleichwertig mit anderen Kunstformen der Unterhaltungsindustrie ansieht. Und dass der durch die Harvey Weinstein Affäre bloßgestellte Hollywood-Adel ein bisschen vom Sockel der eigenen Selbstbeweihräucherung gestoßen wurde, scheint ihm ganz gut zu gefallen. GQ sagt er dazu: »Ich finde es gut, dass man in Hollywood anfängt, hinter den Vorhang zu schauen.« Und nicht ohne Häme fügt er hinzu: »Es gibt in unserer Branche keine Notwendigkeit für Aufsichtspersonen, die Schauspieler und Regisseure davon abhalten müssen, Leute ungefragt zu berühren.«

Lance Hart: Escort-Arbeit als einträgliches, aber gefährliches Zubrot

Auch der viel gebuchte Darsteller Lance Hart kommt in der Reportage zu Wort. Er vergleicht seine Arbeit mit der eines Callboys und hält die Arbeit als Pornodarsteller für sicherer und letztlich einträglicher. »Wenn man in Manhattan arbeitet, kann man zwar 10.000 Dollar am Wochenende mit Escortservice verdienen. Also wenn man sich abrackert. Und man muss absolut sicher sein, dass man ihn hochkriegt. Jemand, der kein Pornostar ist, kann 300 Dollar pro Stunde kriegen. Da ich Follower habe und Pornostar bin, kann ich mehr nehmen. Aber sind 600 Dollar den Stress wirklich wert, an einem Hotelzimmer anzuklopfen? Was erwartet einen auf der anderen Seite der Tür? Was, wenn der Typ einen nicht mehr weglassen will oder übergriffig wird? Das ist ein paar meiner Freunde passiert. Das macht Angst. Aber ich habe eine Anzeige geschaltet. Und ab und an bucht mich wer Berühmtes und sagt: ‚Ich will einfach nur mit Dir zu Abend essen und kannst Du mir hinterher einen runterholen?’«

Johnny Stone: JOI für Frauen & schwule Fanbase

Johnny Stone äußert sich in der Reportage zu seiner Anhängerschaft. »Ein Großteil meiner Fanbase sind schwule Typen. Aber ich habe auch weiblichen Fans die Pforten geöffnet. Das war einer der Märkte, die viele nicht gesehen haben: Pornos an Frauen ausrichten. Frauen mögen Pornos und Sex genauso wie Männer. Frauen sind weitaus psychischer orientiert, wenn es um Sexualität geht, und man muss das halt nur bedienen. Ich habe also Videos auf ein weibliches Publikum ausgerichtet. Jerk-Of-Instructions für Frauen. Da mache ich Kasse.«

Stone gehört zu jenen Models, die sich auch im Erotikbereich umtun und Non-Nude-Inhalte produzieren. Er bespielt die Mainstream-Plattformen Snapchat, YouTube und Twitch.  »Ich möchte, dass unserer Branche mit dem Respekt begegnet wird, den sie verdient. Es ist Teil der Unterhaltungsbranche und ein großer Teil obendrein. Und alle kehren das unter den Teppich. Ich glaube, dass wir Rampenlicht und Anerkennung verdienen. Es wäre viel gewonnen, wenn man den Menschen beweisen könnte, dass Sexarbeit eine echte Karriereoption ist, ein echter Job. Es gibt da eine echte Nachfrage, die Menschen bedienen müssen.«

Ricky Johnson: Wie kommt man ins Geschäft? Verdienen schwarze Darsteller weniger?

Mit Ricky Johnson sprach GQ vor allem über den psychologischen Druck bei der Sexarbeit vor der Kamera und gibt Einblicke, wie schwer es sein kann, überhaupt in die Branche zu finden. Der Pornostar sagt dazu: »Pornografie ist 90% psychische Arbeit. Denn jeder kann Sex haben. Aber es gibt nicht viel männliche Profis. Jeder Regisseur arbeitet da mit seinen Lieblingen. In diesen Zirkel muss man eindringen. Zunächst fragen die: ‚Wer bist Du? Diese Produktion kostet tausende von Dollar, und wenn Du versagst, kostet uns das Geld. Warum sollten wir es also mit Dir riskieren, wenn wir vier oder fünf Typen in der Kartei haben, die solide Arbeit abliefern?«

Der schwarze Pornostar äußert sich auch zu den unterschiedlichen Verdienstmöglichkeiten für schwarze Darsteller. »Das kann schon vorkommen. Das ist insgesamt schwer zu bewerten, weil es weniger schwarze Darsteller gibt. Und es gibt durchaus weiße Darsteller, die weniger kriegen als andere weiße Typen. Und es gibt schwarze Darsteller, die weitaus mehr kriegen. Ich werde ganz ordentlich bezahlt. Aber die meisten schwarzen Darsteller machen Gruppenszenen, und da kriegt man einfach weniger.«

Ryan Driller: VR als Nische für Spezialisten, die Privatsphäre schätzen

Ryan Driller berichtet dem GQ-Reporter von seinen Anfängen. »Ich bin durch Craigslist in die Branche gekommen. Es gab nicht so wahnsinnig viele Castings. Was dem am nächsten kam, war, dass man an einer Gruppenszene mitwirkte. Wenn man da versagte, gab es genug andere Leute, die für Dich eingesprungen sind. Das ist ein bisschen, als wirft man Dich in ein Rudel Wölfe. Meine größte Motivation war zunächst und vor allem, dass ich jeden Tag abspritzen wollte.« Inzwischen hat er andere Ziele, sagt er. Er gehört zu den wenigen Darstellern, die sich auf VR spezialisiert haben. Nicht viele kommen mit den anstrengenden Produktionsbedingungen für die komplexen VR-Dreharbeiten klar. Man muss dabei sehr leise sein und darf nicht mal laut atmen. Für Driller hat es aber klare Vorteile. Da sieht man sein Gesicht seltener, was ihm gefällt, da er nach seiner Pornokarriere eine Familie gründen will.

Eddie Wood: Transgender-Männer im Pornogeschäft

Eddie Wood gehört zu den wenigen Transgender-Männern, die wirkliche Pornostars sind. Für ihn war und ist die Pornobranche eine freiere Welt. »Ich mag es in der Sexbranche zu arbeiten, da sie Transgender-Menschen stärker akzeptiert als die Mainstream-Gesellschaft. Hier wird der Wert unserer Arbeit geschätzt. Selbst wenn es nur auf 1-Dollar-Ebene stattfindet. Wir müssen alle lernen, dass es inklusiver werden muss.«

Derrick Pierce: Inzest als Hype – Liebt Amerika die Missbrauchsphantasie?

Über die dunkleren Seiten der gegenwärtigen Pornoproduktionen macht sich der Pornodarsteller Derrick Pierce Gedanken. Im Interview sagt er: »Wenn man wissen will, worum sich die amerikanische Psyche dreht, dann muss man sich die Pornos anschauen, die sich gut verkaufen. Und das ist Inzest. Stiefmutter, Stiefvater, Stiefbruder, Stiefschwester. Menschen mit Autorität. Das Ausmaß an Dunkelheit bei dem Material, das wir drehen … Wir haben dieses Jahr einen Film gemacht, der hieß Anne, und ich spielte Daddy Warbucks.«

GQ feiert bei allen Zwischentönen die bunte neue Vielfalt der Pornografie

Das Porträt endet aber dennoch erfreulicherweise auf der Betonung der neuen Freiheit und Vielfalt der Darstellungsweisen und der dargestellten Körper- und Menschentypen. Dass ein etablierter Pornostar wie Small Hands offen über seine Ängste und Neurosen sprechen kann, ist für die Branche, deren Ruf oft mit Worten wie »harsch« oder »oberflächlich« verunglimpft wird, ein gutes Zeichen. »Man muss eine Art Alphatier sein für diesen Job. Das war ich gewiss nicht. Ich hatte Panikattacken vor den Dreharbeiten. Ich dachte, ich kann das nicht. Ich bin da gleich in einem Raum mit hellem Licht und 15 Leuten. Es ist fast eine Art Ninja-Fähigkeit da vor allen steif zu werden. Die größte Herausforderung ist es, ihn hochzukriegen.«

Und so bleibt Pornografie das ewige doppelgesichtige Zwitterwesen. Es ist die Perversion unserer verborgenen und verdrängten Lüste. Ihre Popularisierung macht diese Lüste weniger verborgen und verdrängt. Eine immense Chance. Der Aufbruch der traditionellen Verwertungskette befördert diese Entwicklung.

Den ganzen Artikel finden Sie hier.

 

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