BBC Bericht über die letzten Prostituierten in Tunesien

Prostitution in Tunesien, wie ist die Situation?

Tunesien ist eines der wenigen muslimischen Länder, in denen Prostitution seit Jahrzehnten in vom Staat regulierten Bordellen erlaubt ist. Seit den Umstürzen während des arabischen Frühlings wurden jedoch viele dieser Bordelle zur Schließung gezwungen. Die wenigen verbliebenen Häuser sind umstritten, der Großteil der Prostituierten muss nun ungeschützt in der Illegalität auf der Straße arbeiten. Eine BBC-Reportage berichtet über die letzten legalen Sexarbeiterinnen des Landes.

Die Reporterin Shereen El Feki des britischen Senders BBC hat mit ihrer Crew das Land bereist und mit zahlreichen Frauen gesprochen, die in Tunesien als Prostituierte arbeiten. Ihre Situation wird seit Jahren immer schwieriger. Das Hauptproblem ist, dass die staatlich regulierten Bordelle immer weniger würden, inzwischen sind fast alle geschlossen, so El Feki.

Sie trifft Amira, eine unverheiratete Frau Mitte 20, die als Sexarbeiterin ihr Geld verdient. Sie gehört zu den etwa 12 verbliebenen Prostituierten, die ihrem Beruf in Sfax nachgeht. Vor 10 Jahren waren es noch 10 Mal so viele. Neben Sfax verfügt nur noch die Hauptstadt Tunis über Bordelle. Alle anderen Prostituierten müssen in der Illegalität und auf sich selbst gestellt arbeiten und werden somit häufig Opfer von Raub, Vergewaltigung, Missbrauch und Mord. Werden illegale Sexarbeiterinnen erwischt, drohen bis zu zwei Jahre Haft.

In den verbliebenen Bordellen, den Maisons Closes, besteht das alte System fort. Ein Arzt steht zur Verfügung, eine Aufpasserin und hygienische Vorschriften werden streng beachtet. Seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts existierte das gut funktionierende System. Seit den Umwälzungen 2010 jedoch erodiert die legale Sexarbeit und wird immer stärker angefeindet.

Die noch in Bordellen tätigen Frauen leben in der ständigen Angst, dass das Haus geschlossen wird oder dass sie hinausgeworfen werden. Immer strenger wird auf die Einhaltung der Hausregeln geachtet, bisweilen, so vermutet Amira, scheint es, als wolle man die Frauen möglichst rasch aus den Häusern haben, um sie schließen zu können. Alkohol auf dem Zimmer, ein Streit mit einem Freier, Kleinigkeiten reichen. »Schritt für Schritt werden die Frauen entlassen, sie werden für die kleinsten Fehler rausgeworfen. Ich nehme an, dass mir das eines Tages auch geschieht.«

Das Team begleitet und spricht auch mit Frauen, die längst in der Illegalität arbeiten müssen. Nadia ist bereits Anfang 40. Ihr Bordell wurde 2011 aufgrund von gewaltsamen Protesten salafistischer Extremisten geschlossen. Dabei ist sie verletzt worden und fand kein neues Haus, in dem sie weiter hätte arbeiten können. Seit vielen Jahren arbeitet sie nun illegal, oft auf der Straße.

Sie sagt: »Es ist nicht dasselbe wie in einem geschützten Bordell, in dem ein Arzt zur Verfügung steht, Kondome für Frauen und eine Aufpasserin. Inzwischen habe ich bei jedem Kunden Angst, weil ich niemanden habe, der mich beschützt oder in der Nähe ist.« Sie berichtet den Journalisten der BBC, dass sie Opfer eines gewalttätigen Kunden geworden ist, der sie vergewaltigt und geschlagen und ihr ihr Geld gestohlen hat.

Für Nadia besteht wenig Aussicht auf Besserung. Zwar gibt es in Tunesien Aktivisten für Bürgerrechte. An den Universitäten des Landes bilden sich einflussreiche Zirkel, die auch Homosexualität entkriminalisieren wollen und progressiv denken. Doch auch unter den Frauenrechtlern und Aktivisten findet Sexarbeit wenige Fürsprecher und Verteidiger. Ganz im Gegenteil: viele befürworten die Schließungen, da sie Sexarbeit als Sklaverei oder Menschenhandel betrachten.

Obendrein schrumpft die Nachfrage. Salafistische Islam-Auslegungen gewinnen die Oberhand und immer weniger Kunden trauen sich zu den Frauen. Um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen, suchen und finden sich Prostituierte und Freier an versteckten, für die Sexarbeiterinnen oft unsicheren Orten.

Die Preise sinken. Im Durchschnitt bekommen Sexarbeiterinnen nur noch 6-8 Euro pro Kunde. Eine Dekriminalisierung der Straßenprostitution könnte helfen. Einige progressive Stimmen lobbyieren zwar dafür, doch in der Politik findet diese Idee wenig Anhänger. Und das obwohl sich selbst Vertreter der islamistischen Partei Ennahda bewusst sind, dass es für die Frauen kaum einen Ausweg gibt. Eine andere Arbeit zu finden, ist nahezu aussichtslos, schließlich ist die Arbeitslosigkeit selbst bei gut ausgebildeten Frauen in Tunesien hoch, doppelt so hoch wie bei den Männern des Landes.

Neben der grundsätzlich schwierigen Arbeitsmarktsituation kommt noch das Stigma der Sexarbeit hinzu. Das findet auch Afef, eine ehemalige Aufpasserin in einem inzwischen geschlossenen Bordell: »Selbst wenn eine ehemalige Sexarbeiterin anfängt, in einem Restaurant zu arbeiten und Geschirr zu spülen, wird irgendwer nach ein, zwei Tagen sagen, dass diese Frau mal in einem Bordell gearbeitet hat, und ihr Boss wird dann sagen: Sorry, ich kann Dich nicht weiter beschäftigen.«

Den vollständigen Bericht der BBC-Reporterin finden Sie hier.

 

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