Die Automatisierung macht auch vor Pornostars keinen Halt

Laut Expertenmeinung wird interaktive und virtuelle Pornografie im Verbund mit superrealistischen, computergenerierten “Schauspielern” das nächste große Ding in der Sexindustrie. Doch während die Preise für die Technologie günstiger, die Anwendungen nutzerfreundlicher und obendrein sozial immer stärker akzeptiert werden, dürfte klar sein, dass sie eine im wörtlichen Sinne harte Konkurrenz für die Pornobranche und die darin beschäftigten Menschen werden wird. Zumindest wenn man Zukunftsforschern, Innovatoren und Pornounternehmern glauben darf.

So könnte Pornografie zu einer weiteren Branche werden, in der die Automatisierung zahlreiche traditionell von Menschen ausgeführte Jobs obsolet machen könnte. Es wird weniger Pornodarsteller, Regisseure und Produktionsangestellte geben, so die Voraussage von Experten gegenüber Redakteuren des Magazins Motherboard.

“Menschen können in diesem Wettbewerb nicht mehr bestehen. Ein Studio kann dann einen Pornodarsteller für 1.000 Dollar buchen oder einfach Software erwerben und einen Darsteller günstiger künstlich erstellen”, sagt Ian Pearson, ein führender Zukunftsforscher von der Kommunikationsagentur Futurizon und ehemaliger Ingenieur bei British Telecommunications und Mitglied der British Computer Society.

“Als Pornostar muss man sich in der gegenwärtigen Entwicklung wirklich Sorgen um seinen Job machen”, so Cindy Gallop, Gründerin von MakeLoveNotPorn.com, einer Plattform, auf der Menschen Videos von echtem Sex mit ihren Partnern teilen können. Sie ist Ihnen vielleicht auch durch ihren beliebten TED Talk über Pornografie von 2009 bekannt. “Pornografie ist inzwischen so groß, dass sie konventionell geworden ist – die Branche stürzt so ähnlich ab wie die Musikbranche und der Journalismus. Wenn die Pornobranche sich nicht für Innovationen und Kreativität öffnet, ist sie am Ende.”

Der Sprung von echten Darstellern zu computergenerierten ist relativ klein, da das Genre für Konsumenten ohnehin Fantasie ist, so Pearson, der kürzlich eine Studie über die Zukunft des Sex für den Sexspielzeug-Hersteller Bondara veröffentlicht hat.

“Bordelle beispielsweise werden immer noch Menschen benötigen; da spielt die zwischenmenschliche Verbindung, sogar Emotionen einen Rolle. Niemand aber braucht menschliche Pornostars”, sagt er.

Brian Shuster, CEO des auf virtuelle Welten spezialisierten Unternehmens Red Light Center fügt hinzu: “Wenn Menschen wirklich Teil ihrer sexuellen Fantasien werden möchten – und ich glaube, dass das so ist – dann wird der Pornostar, wie wir ihn kennen, bald obsolet.”

Bereits jetzt können Anwender mit virtuellen Charakteren in an Videospiele erinnernde Welten “Sex” haben. So etwas geht bereits auf Plattformen wie Red Light Center, Oculus Rift und Second Life. Höher entwickelte Pornotechnologie – einschließlich individuell gefertigter Holodecks, CGI und stimulierender Körperimplantate – werden vermutlich in den nächsten 10 Jahren auf den Markt kommen, so Pearson.

“Denkbar, dass das so eine Star Treck Holodeck-Variante für Ihre höchst eigene Fantasie wäre. Sie würden beispielsweise festlegen, welche Größe ihre Brüste haben soll, welche Unterwäsche sie trägt und wie groß sie ist”, führt Pearson aus. “Und das würde nicht mal notwendigerweise viel kosten.”

Es gibt längst Hersteller von ersten Hologramm-Prototypen und Produkten wie Microsoft HoloLens und den Sony Ray Modler. Die Pornobranche – die vom Aufkommen der Fotografie bis zur Entwicklung des Internets traditionell an vorderster Front beim technischen Fortschritt mitwirkt – wird vermutlich zu den ersten Anwendern gehören.

Die Sexcam-Plattform CamSoda beispielsweise arbeitet daran, an Gasmasken erinnernde Geräte auf den Markt zu bringen, die bei virtuellen Erlebnissen, Gerüche verströmen. BlowCast, ein virtueller On-Deman-Anbieter ermöglicht seinen Nutzern einen simulierten Blowjob duch ein Camgirl.

Nicht mehr lang, bis Pornostars und Prominente virtuelle Abbilder von sich selbst verkaufen, sagte Jeff Dillon, CEO des Pornounternehmens GameLink. “Das wird so ähnlich sein, wie mit NFL-Spielern, die ihr Abbild an Videospielunternehmen verkaufen. Wenn Sie ein digitaler Star sind, lizenzieren Sie Ihre Repräsentation”, so Dillon.

Pornodarstellerin Tori Black beispielsweise hat einen virtuellen Avatar von sich geschaffen, um Anwendern eine virtuelle Pornoerfahrung zu ermöglichen, in der Spieler ihre wildesten Sexfantasien ausleben können, berichtete letztes Jahr das Magazin VICE.

ohromaLetzten Juli hat GameLink damit begonnen, in 3D zu filmen, dabei entstehen 360 Grad VR-Pornos mit echten Darstellern. “Jeden Monat wurde das Angebot beliebter. Und während der Festtage hat die Nachfrage exponentiell zugelegt”, berichtet Dillon, dessen Unternehmen 1993 mit dem Verkauf von VHS-Kassetten begann und sich in einen Stream-to-Own und On-Demand-Service entwickelt hat.

Dillon schätzt, dass etwa 15 Prozent des Pay-per-View-Publikums inzwischen VR-Angebote nutzt. Er sagt voraus, dass dies zunehmen wird, sobald die VR-Ausrüstung günstiger und nutzerfreundlicher wird.

Einer der Gründe, weshalb Unternehmen in virtuelle Pornos investieren, ist, dass es bisweilen weniger kostet als traditionelle Pornofilme, so Dillon. Sobald man die spezielle Kameraausrüstung angeschafft hat, kostet die Herstellung $4.000 bis $20.000, etwas weniger als ein durchschnittlicher Pay-Per-View-Film. Er sagt, dass es für diese Produktionen keine Regisseure oder Produktionsassistenten am Set mehr brauche, die nur im Bild stehen würden. Die virtuellen Szenen werden in der Regel in einem Take mit natürlichem Licht und natürlichem Ton aufgenommen.

Das sind vermutlich schlechte Neuigkeiten für mittelmäßige Pornodarsteller, die auf Anweisungen angewiesen sind, die nicht improvisieren können oder es nicht in einem Take hinbekommen, so Dillon.

“Wir sollten uns da nichts vormachen. Pornos sind nicht bekannt dafür, die besten Schauspieltalente aufzuweisen. VR erfordert ein höheres Können, da die Szenen in nur einem Take gedreht werden. Das dürfte einige Darsteller aussortieren”, fährt er fort.

Der VR-Trend könnte Pornoproduzenten einen heftigen Schlag versetzen, wird aber auch neue Jobs hervorbringen, versicherte Dillon. “Wer programmiert das alles und lädt es hoch?”, fragt er. “Man muss sich anpassen.”

Die großen Pornounternehmen investieren bereits in die Technologie. Nach Angaben von Michael Klein, dem Bereichsleiter Broadcasting und Internet bei Vivid, hat sein Unternehmen, das zu den größten der Branche gehört, allein letzten Monat fünf virtuelle Szenen gedreht. Das Unternehmen, das auch die Rechte an Kim Kardashians Sextape besitzt, hat im Oktober eine VR-Fassung des Films auf den Markt gebracht.

“Wir drehen Sachen virtuell und machen dann noch mehr daraus”, erklärt Klein. “Wenn die Preise fallen, wird das Publikum weitaus größer als nur der Spielermarkt.”

Klein räumt jedoch ein, dass sein Unternehmen auch in Betracht zieht, dass VR ein Flop werden könnte und dass es deshalb seine Investitionen auf diese Unwägbarkeit abstimmt.

“Alle haben davon geredet, dass 3D (Porno-)Kanäle das nächste große Ding würden, doch das Interesse daran hat stark nachgelassen”, sagt er.

James Deen, einer der bestbezahlten Darsteller der Branche, macht sich keine Sorgen, ausgetauscht zu werden. Er sagt voraus, dass Pornofilme und virtuelle Pornografie sich in zwei Marktbereiche aufteilen werden. “VR bietet nicht die gleichen Inhalte und Erfahrungen wie Filme. Das ist ein vollkommen anderes Produkt, im Grunde wie Hentai oder Pornocomics”, fuhr er fort. “Das ist wie Äpfel und Birnen.”

Er bezweifelt, dass es für ihn schwieriger würde, Jobs zu bekommen, wenn VR-Pornos besser würden. “Ich kann nicht erkennen, wie das die Nachfrage nach Darstellern beeinträchtigen könnte”, so Deen, der trotz der Missbrauchsvorwürfe 2015 immer noch Rollen bekommt.

Pornodarstellerin Vicky Vette sieht das Ende des Pornofilms ebenfalls nicht in Sicht. “Virtuelle Sexplattformen stärken meiner Erfahrung nach nur den Wunsch nach dem echten Erlebnis. Ich sehe es also als Ergänzung”, so Vette, die letztes Jahr in die Hall of Fame der Adult Video News eingeführt wurde. “Ich glaube immer noch daran, dass Fans letztlich das Fleisch und Blut eines echten Menschen statt nur eine digitale Repräsentation davon sehen wollen.”

Eine Möglichkeit für Pornodarsteller, sich mit den sich ändernden Produktionsbedingungen zu arrangieren, ist es, im Internet 1-on-1-Kamerashows anzubieten, so Vette, die das Webcam-Angebot Vickyathome.com betreibt. “Wir haben alle Sehnsucht nach der echten Aufmerksamkeit eines echten lebenden Menschen. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies besser ist als das digitale Abbild”, sagt sie.

Um am Markt zu bestehen, müssen Darsteller, die $200 bis $2.000 pro Szene erhalten, eine Nische finden, denn “das Geschäftsmodell ist am Ende”, so Gallop. “Sie sollten sich umschauen und etwas suchen, das nicht angeboten wird und einfach ignorieren, was andere machen, die es vermeintlich besser wissen. Gründen Sie Ihr eigenes Unternehmen, und werden Sie die Zukunft der Pornografie.”

Der Fortschritt der Technologie wird auch die angezogenen Schauspieler Hollywoods betreffen, meint Marcelo Rinesi vom Institute for Ethics and Emerging Technologies.

“Der Verlust von Arbeitsplätzen in der Pornobranche wird Teil einer größeren Entwicklung sein, bei der Schauspieler durch Computertechnik ersetzt werden, sobald die fotorealistische Repräsentation einfach genug wird”, so Rinesi. “Sobald Sie virtuelle Schauspieler haben, die genau so aussehen, die Körpersprache aufweisen, die Gesichtsausdrücke hinbekommen und die Stimmlage erreichen, die Sie sich wünschen, dann werden all diejenigen, die keine Stars sind, es schwerer haben, Jobs zu bekommen. Dieser Punkt ist noch nicht erreicht, aber wir sind auch nicht mehr weit davon entfernt.”

Der Blockbuster “Rogue One” beispielsweise wurde von Grand Moff Tarkin digital hergestellt, der Death Star Commander wurde von dem verstorbenen Peter Cushing gespielt. Und voriges Jahr wurde die beliebte Serie Good Wife dafür kritisiert, eine CGI-Szene zwischen Julianna Margulies und Archie Panjabi produziert zu haben.

Andererseits gibt es nicht nur schlechte Nachrichten. Ein denkbarer Vorteil der Entwicklung, sexuelle Erfahrungen immer stärker von der physischen Realität zu entkoppeln, ist, dass es uns vielleicht vor Augen führt, was uns wirklich etwas bedeutet.

“Es ist möglich, dass durch die ‘Zwischenschaltung’ von Computern und eine dadurch erweiterte Möglichkeit sexueller Erfahrungen und Entdeckungen ein ehrlicheres, kollektives Verständnis unserer Sexualität entstehen lässt”, so Rinesi am Schluss seiner Ausführungen.

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