Die sexuelle Befreiung 2.0 – Niemand belügt Google

alle lügen

Zu niemandem ist man ehrlicher als zum Suchfeld von Google, meint die
Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Constanze Kurz. Eine Einschätzung, die der Autor Seth Stephens Davidowitz in seinem Buch »Everybody Lies« durchaus teilen dürfte. Er kommt zu dem Schluss, dass Menschen im realen Leben ständig über ihre sexuellen Bedürfnisse lügen, die Google-Daten aber die Wahrheit über den Menschen bergen.

Davidowitz hat in seinem Buch »Everybody Lies« gewaltige Mengen Daten ausgewertet, darunter Suchanfragen und Nutzungsdaten von Google bis hin zu PornHubs kürzlich veröffentlichten Datenschatz. Der Autor kommt zu einem radikalen Schluss: Die bisherigen Werkzeuge zur Untersuchung menschlicher Vorlieben, Meinungen und sexueller Präferenzen seien extrem fehlerhaft. »Bisher war unsere Herangehensweise stets, dass wir die Leute fragen. Aber über sensible Themen wie Sex lügen die Menschen.« Er habe sich stets gewundert, weshalb Sozialwissenschaftler sich nicht massiv für PornHubs Daten interessiert hätten. Er habe seine Forschungsergebnisse sogar einigen der berühmtesten Institute angeboten, niemand dort habe Interesse gezeigt.

Dabei hat Davidowitz viele durchaus überraschende Dinge feststellen können. Die pornografischen Interessen der Menschen seien weitaus vielfältiger, als man denke. »Etwa 30% der Menschen sehen sich ausschließlich Zeug an, das Sie vermutlich anekeln würde.« So würden sich zahlreiche Frauen Masturbationsvideos mit fülligen Männern mit kleinem Penis anschauen.

Zu den äußerst interessanten Ergebnissen seiner Datenauswertung gehört, dass es vermutlich weitaus mehr homosexuelle Männer gibt als angenommen, dass viele Männer übergewichtige Frauen dünnen Frauen vorziehen, sich dafür aber schämen, dass viele heterosexuelle Frauen lesbische Pornos schauen und dass Pornos, die Gewalt gegen Frauen zeigen, bei Frauen weitaus beliebter sind als bei Männern.

Vieles sei sehr überraschend, so Davidowitz. Insbesondere kulturelle Unterschiede könnten Anlass zu weiteren Forschungen geben. Gibt man bei Google Indien “My Husband wants …” ein, schlägt einem der Auto-Suggest die Vervollständigung “… to breastfeed me” ein. Nirgendwo sonst gäbe es so viele Pornos mit Still-Fetisch. In Japan sei der am stärksten wachsende Trend »Kitzel«-Pornos.

Es gibt zwar zahlreiche Stimmen, die zur Vorsicht bei der Auswertung der Google-Daten mahnen, aber Kritikern seiner Arbeit begegnet Davidowitz recht souverän: »Ich glaube, dass der Pornokonsum weitaus aussagekräftiger ist als das Ausfüllen eines Umfragebogens. Ich denke aber auch, dass man bei der Interpretation vorsichtig sein sollte.«

So dunkel die Ergebnisse seiner Forschung hier und da sein mögen – schließlich ergebe sich die Grundannahme, dass jeder lüge – das vielleicht wichtigste Fazit seiner Arbeit sei, dass bei der Untersuchung der Pornogewohnheiten herauskäme, dass jeder – wenn auch unterschiedliche – seltsame Pornos mag. »Somit aber ist niemand seltsam.« Man brauche sich für seine Seltsamkeit nicht schämen. »Manchmal denke ich, dass es gut wäre, wenn die Pornogewohnheiten aller Menschen gleichzeitig veröffentlicht würden. Das wäre 30 Sekunden lang peinlich. Und dann würden wir alle darüber wegkommen und offener mit Sex umgehen.«

Auf Vox finden Sie das komplette Interview zwischen Seth Stevens Davidowitz und Sean Illing.

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