Virtual und Augmented Reality: In Zukunft spielen Pornos im eigenen Bett

Stefan Geisler
Bildquelle: Heise online / J.-K. Janssen

Heise.de/Jan-Keno Janssen berichtet: „Die Porno-Branche rüstet auf: Mit Virtual und Augmented Reality soll wieder Geld in die Kassen kommen. Laut Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning ist VR-Pornografie ein Gewinn für alle und kann die Welt verbessern. Die Appstore-Betreiber sehen das anders.

Es ist ein bisschen paradox: Pornos sind heute so gesellschaftsfähig wie nie zuvor, und dennoch läuft das Geschäft eher so-la-la als oh-la-la – dank der riesigen Auswahl kostenloser Angebote sind nur wenige Menschen bereit, Geld für Pornografie auszugeben. Mit Virtual und Augmented Reality will die Branche nun aufrüsten und ihre Umsätze steigern. Diese neuen Techniken standen im Fokus der „Eurowebtainment“-Konferenz, die nun auf Mallorca zu Ende ging. Bereits zum 28. Mal trafen sich in strandnaher Umgebung Internet-Unternehmen, die sich auf Messen wie der CeBIT vermutlich eher unwohl fühlen würden: Porno- und Cam-Sex-Anbieter, Seitensprung-Portale, E-Mail-Adresshändler, Zahlungsdienstleister und Internet-Inkasso-Firmen.

Trotz VR- und AR-Hype: Hinter vorgehaltener Hand berichteten mehrere Branchenkenner, dass wohl noch kein Unternehmen mit Virtual-Reality-Pornos – meist 180-Grad-Videos – Geld verdient. Bislang sei alles noch ein Zuschussgeschäft. Noch vor zwei Jahren galt es als sehr gut möglich, dass Pornografie den Verkauf von VR-Headsets ähnlich befeuern würde wie vor Jahrzehnten VHS und später Video-Streaming. Heute sieht man die Sache deutlich skeptischer: Inzwischen hofft die Porno-Branche auf eine nicht-pornografische Killer-App, damit die Zahl der Headsets im Markt und damit auch die der potenziellen Kunden steigt. Als Beispiel wurde häufig der Ehemann genannt, der seiner Frau erklären muss, warum er sich ein VR-Headset kauft – „für Spiele“ funktioniere nicht als Antwort, wenn die Ehefrau genau weiß, dass er nie Spiele gespielt hat.

Virtual-Reality-Pornos sind besser, weil „intimer und echter“

Dabei haben VR-Pornos sogar das Potenzial, die Welt zu verbessern – zumindest sieht das die aus der ZDF-Ratgebersendung „Make Love“ bekannte Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning so. Sie wurde von den Konferenz-Verantwortlichen für die Moderation einer Podiumsdiskussion zum Thema „Die Zukunft der Online-Erotik-Unterhaltung“ engagiert – was offenbar auch dazu dienen sollte, der Veranstaltung einen seriöseren Anstrich zu geben. Dennoch nimmt man Henning ab, dass ihre positive Meinung zu VR-Pornos nicht mit ihrem Eurowebtainment-Engagement zu tun hat. Ihre These: Während die meisten konventionellen Pornos ein völlig unrealistisches Bild von Sexualität zeigen und beide Geschlechter unnötig unter Druck setzen, seien die immersiven VR-Pornos deutlich näher an echtem Sex und Intimität. Sie sieht die Vorteile der Virtual-Reality-Pornografie insgesamt eher im Bereich der Sexual-Pädagogik als in der Unterhaltung. „Porno muss sich ändern, gerade auch, wenn man Frauen als Zielgruppe will“, so Henning im Gespräch mit heise online. „Es muss alles viel echter werden.“

Es steckt also viel Potenzial in VR-Pornos, selbst wenn die bisherigen Umsätze eher unbefriedigend sind. Noch: „Wir gehen davon aus, in diesem Jahr die Gewinnschwelle zu erreichen“, berichtet Stefan Geisler im Gespräch mit heise online. Geisler produziert 180-Grad-Videos für das Portal RealityLovers. „Man muss dabei immer bedenken, dass wir technisch noch ganz am Anfang stehen“, so Geisler. Mit stereoskopischen 180-Grad-3D-Videos würde man allerdings schon deutlich mehr Immersion erreichen als mit monoskopischen 360-Grad-Videos, wie sie aktuelle Consumer-Kameras liefern.

Ihm sei bewusst, dass sich die Kundschaft mehr Interaktivität wünscht, aber das sei zurzeit in 180-Grad-Videos nicht zu bewerkstelligen; womöglich klappe das irgendwann mit Lichtfeld-Technik. In Echtzeit berechnete Render-Pornos in nahezu fotorealistischer Qualität seien zwar technisch möglich, doch fehlen der Porno-Branche die Budgets, um mit großen Spiele- oder Film-Produktionen mitzuhalten. Außerdem sieht er ein weiteres Problem mit Render-Akteuren: Der Kundschaft sei das „Glitzern im Auge“ der Darstellerinnen und Darsteller wichtig, es gehe darum, die Persönlichkeit wahrzunehmen. Das klappe mit Computergrafik-Figuren nicht.

Darstellerin oder Darsteller aufs eigene Sofa holen

In Zukunft könnte er sich eher Augmented-Reality-Produktionen vorstellen, mit denen man sich Darstellerin oder Darsteller in seine eigene Wohnung holen kann; also zum Beispiel aufs eigene Sofa oder auf den Schoß. Noch seien HoloLens & Co aber nicht gut genug und auch noch viel zu teuer. Um der Kundschaft dennoch das Gefühl zu geben, dass sich die Action in den eigenen vier Wänden abspielt, experimentiert Geislers Firma zurzeit mit Aufnahmen vor Greenscreens – die Kunden könnten den Hintergrund dann durch ein 360-Grad-Foto ihres Schlafzimmers oder ihres Gartens ersetzen. Solche Bilder lassen sich mit herkömmlichen Smartphones aufnehmen (zum Beispiel mit der Google-App Cardboard Camera).

Das Problem dabei: Man müsste Software zur Verfügung stellen, um das Foto vom Kunden mit dem Video von RealityLovers zu verbinden. Doch ausnahmslos alle großen App-Stores verbieten pornografische Inhalte. Darunter leiden vor allem die Anbieter von 180-Grad-Videos für VR-Headsets. Während man konventionelle Videos im Browser anschauen kann, benötigt man für Rundum-Videos spezielle VR-Player-Apps. Nun würden die Porno-Anbieter ihre Inhalte gerne direkt innerhalb eines eigenen Players verkaufen. Da die App-Stores dies nicht zulassen, muss die Kundschaft zuerst einen „neutralen“ Rundum-Videoplayer installieren, um darin die Videodatei einzubinden. Für viele Anwender ist diese technische Hürde zu hoch – sie bleiben bei Videos im Browser.“

„Dabei wären wir durchaus bereit, Zugeständnisse zu machen“, erklärt Stefan Geisler. Vorstellbar sei beispielsweise, dass man nur das zeigt, was „in jedem Schlafzimmer passiert“; also Nischen-Genres weglässt. Geisler würde sich wünschen, dass sich Google, Apple, Facebook, Sony & Co zumindest auf Gespräche einließen. „Die können damit schließlich massiv Geld verdienen.“

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