Kink.com rettet künstlerisch anspruchsvolle Serie

Leo Herrera filme

Der vermutlich führende Anbieter im Bereich Fetisch-Pornografie hat eine Serie des Filmemachers Leo Herrera ein neues Zuhause gegeben und strahlt die neuste Folge gratis über das eigene Netzwerk aus. Ist Kinks Unterstützung für »The Fathers Project« ein weiteres Zeichen für das politische Sendungsbewusstsein der Streamingportale?

Erst kürzlich wurde vielen größeren Medien bewusst, was sich bei Netflix vollzieht. Der globale Streamer, der die Sehgewohnheiten von zig Millionen Menschen verändert hat, positioniert sich im Zeitalter zunehmenden Populismus mehr und mehr als liberale Plattform mit klar progressiver Linie.

Netflix wird zum progressiven Leuchtturm des liberalen Kapitalismus

Geplant und bereits ausgestrahlt sind gesellschaftskritische Dokus, die Neuverfilmung der schwul-lesbischen »Stadtgeschichten« Armistead Maupins, »When They See Us«, die Verfilmung des Falles der sogenannten Central Park Five, die die Geschichte von fünf zu Unrecht verurteilten afroamerikanischen New Yorkern erzählt, »Ein besonders Leben«, eine Comedy-Serie, in deren Mittelpunkt ein an Cerebralparese leidender junger Mann steht.  Nicht zuletzt ist auch der mutmaßlich dreistellige Millionendeal mit Barack und Michelle Obama zu nennen. Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten und seine Ehefrau Michelle werden in den kommenden Jahren progressive Dokus, Serien und Filme für Netflix produzieren.

Auch die Neuauflagen und Weiterentwicklung von Serien wie »Arrested Development«, »Better Call Saul« und »Full House«, die Comedy-Specials von Hannah Gadsby und der schwullesbischen Ikone Ellen Degeneres sowie die Reaktivierung der liberalen Starcomedians David Letterman und Jerry Seinfeld zeigen eine klare Haltung beim weltweit führenden Streamingdienst. Der Wille, nicht nur Massenunterhaltung zu bieten, sondern auch Programme mit klarer, progressiver Haltung zu fördern scheint ausgeprägt.

Folgen die Pornostreamer den Mainstream-Streamern?

Ähnliches kann man bei den Pornostreamern beobachten. So hat zuvor bereits xHamster versucht, die teils sehr explizite LGBTQ-Serie Sense8 zu retten, nachdem Netflix die Serie mangels Publikumsinteresse einstellen wollte.

Nun setzt sich das international für Kink, Fetisch und BDSM-Pornografie bekannt gewordene Portal Kink.com für eine Serie des Filmemachers Leo Herrera ein. Die Serie »The Fathers Project« präsentiert eine Parallelwelt, in der HIV und AIDS nie existiert haben. Sie stellt sich vor, wie die Lebensläufe verschiedener Menschen sich entwickelt hätten, wenn sie nicht erkrankt und an Aids gestorben wären.

Zensur in sozialen Medien hemmt Freiheit der Kunst

Herrera hatte aufgrund expliziter Sexszenen Schwierigkeiten seine Serie zu veröffentlichen. Auf Slate.com erzählt Herrera von den zunehmenden Schwierigkeiten, die aufgrund verschärfter Zensurvorschriften in den sozialen Medien einem Projekt wie dem seinen immense Steine in den Weg legen. »Jeder Produktionsschritt von ‚Fathers‘ ist ein Kampf.« Zahlreiche Social Media Plattformen haben die Serie und die Werbung dafür unterbunden und blockiert.

Kink.com entschied sich, Herrera Hilfestellung zu leisten, da es die Serie und ihre Botschaft für wichtig hält. Für die vierte Folge konnte der Regisseur daher auf den guten Namen von Kink.com zurückgreifen, mit einem Mal öffneten sich zahlreiche Orte für sein Team. Diese dreht sich vor allem, um den Fotografen Robert Mapplethorpe, der 1989 an der Krankheit verstorben ist. Die Folge eröffnet mit einem Porträt Mapplethorpes als gealterten Mann, dessen Instagram-Account 1 Milliarde Follower aufweist.

Künstlerische Freiheit nur noch auf Pornoportalen uneingeschränkt?

Zu der Kooperation mit Kink.com sagt Herrera: Da ich andernfalls nur eine stark zensierte Fassung hätte veröffentlichen können, entschied ich mich, das zu tun, was ‚Daddy Robert‘ getan hätte, nämlich ‚Fuck it‘ zu sagen. Kink.com eilte uns zur Hilfe und distribuiert die unzensierte Folge gratis, so dass wir volle künstlerische Freiheit für das Projekt hatten.«

Matt Slusarenko ist VP bei Kink.com. Auch er äußerte sich zu der ungewöhnlichen Zusammenarbeit: »Queere Orte verschwinden online, und selbst jene digitalen Räume, über die wir verfügen, werden restriktiver, geschlossener. Zwar ist die Akzeptanz schwulen Lebens inzwischen Mainstream, aber schwule Sexualität bleibt ein schwieriges und kontroverses Thema für Corporate America, als hätte sich nichts verändert. Und in den sozialen Medien werden Themen wie Sexarbeit, BDSM und Fetische unerbittlich zensiert, was bedeutet, dass Aktivismus, Fundraising, Aufmerksamkeit, Gesundheit und Aufklärung, die mit diesen Bereichen zu tun haben, ebenfalls zensiert werden. Darum ist es Kink so wichtig, diese Folge von ‚Fathers‘ zu unterstützen und sicherzustellen, dass die Community sie sehen kann.«

Neues Geschäftsmodell: Unzensierte Serien und Filme auf Ü18-Plattformen?

Sollte die Kooperation erfolgreich sein, könnten Streamer und Tubeseiten bald auf die Idee kommen, Serien, Dokus und Filme, die andernorts zensiert werden, auf ihren Seiten ein Zuhause zu geben. Das wäre eine interessante Entwicklung, die grundsätzlich Inhalte ab 16 oder 18 betreffen könnte und auch Mainstream-Produzenten und Künstlern weitere Vertriebswege öffnen.

Die zensierte Fassung der vierten Folge der Serie finden Sie auf Vimeo. Die unzensierte Fassung kann kostenlos, aber nur mit Anmeldung, auf der Webseite von Kink.com angesehen werden.

 

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